28.11.2021 11:45 |

Lokalaugenschein

Wenn Freiheitsträume an ihre Grenzen stoßen

Lokalaugenschein der „Krone“ entlang der belarussischen Grenze mit Polen - und somit der EU. Wir hörten uns in jenem Asyllager um, das seit Wochen für Schlagzeilen sorgt und das Dilemma beim Thema Migration zeigt.

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Rasiermesserscharfer Stacheldraht, Frost durchdringt Mark und Bein, dann beginnt der Dschungel. So wird die Gegend bei der weißrussischen Grenze genannt.

Durch das Dickicht aus Fichten und Birken pfeift der Wind. Die null Grad fühlen sich umso sibirischer an. Die Wälder und Sümpfe sind die Heimat von Elchen und wilden Pferden. Auch Europas letzte Wisent-Herden grasen hier, vor Wolfsrudeln wird gewarnt. In diesem Paradies für Tiere scheint für Menschen wenig Platz zu sein. Nur vereinzelt taucht entlang der Schotterstraße ein Weiler mit Holzhäusern auf.

„Lebt hier noch jemand?“ - der Fahrer, der sich als Sascha vorgestellt hatte, blickt von seinem neuen Samsung-Handy auf, das er seit der Abreise in Minsk kaum aus den Augen gelassen hat, und meint: „Ja, aber die meisten von ihnen sind alt und leben sehr zurückgezogen.“

„Aua!“ – ein Mäderl kreischt auf, weil ihm die Kuscheldecke entrissen wurde. Jugendliche keilen sich um eine Computerkonsole. Erwachsene drängen sich bei der Essensausgabe. Um alles wird gerangelt, um alles wird gestritten. Senioren sucht man hier vergebens.

Der 18-jährige Zanyar ist mit seinen Eltern und den jüngeren Geschwistern aus dem Nordirak geflüchtet, wo sie als Kurden verfolgt werden. Er trägt eine modische Brille, spricht Englisch und führt uns durchs Grodno-Camp, das früher eine Lagerhalle für Wodka war. Draußen schwingen Lukaschenkos Schergen ihre Knüppel, drinnen versucht man das Beste aus der tristen Situation zu machen.

„Es gibt weder Heizung noch Toiletten“, erzählt der junge Mann, der in der Notfallstation hilft und einmal Medizin studieren möchte. Am liebsten in Deutschland, wo auch der Onkel wohnt. Merkel wird hier immer noch wie eine Heilige verehrt. Sie möge doch wieder helfen. So wie damals. 2015.

Doch die Vorzeichen haben sich geändert. Abgesehen davon, dass die Kanzlerin schon wieder Geschichte ist, sind die wenigsten hier aus einem Kriegsgebiet geflüchtet. Diese 1700 Menschen gingen einem Diktator auf den Leim, der sie mit dem Linienflieger ins Land lockte, um mit einer künstlich heraufbeschworenen Asylkrise die EU wegen verhängter Sanktionen zu erpressen.

Leidtragende sind einmal mehr die Kinder, die von all dem keine Ahnung haben. Aber sie wissen eines: Sie frieren und sie wollen so wie ihre Eltern nur eines - weg von hier.

Gregor Brandl
Gregor Brandl
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