07.11.2021 07:30 |

Elie Rosen

„Die Dämonisierung nimmt zu“

2020 wurde auf ihn ein Anschlag verübt: Elie Rosen, Präsident der Grazer jüdischen Gemeinde, ortet in Europa immer mehr Antisemitismus.

Was passierte in der Pogromnacht in der Landeshauptstadt?
Unter Mitwirkung zahlreicher Grazer Bürger wurde die Synagoge vom nationalsozialistischen Bürgermeister Julius Kasper eigenhändig in Brand gesteckt. Auch die Zeremonienhalle auf dem jüdischen Friedhof wurde niedergebrannt. Bewaffnete SA-Truppen zerrten Oberrabbiner David Herzog aus seinem Haus, misshandelten ihn und schmissen ihn in die Mur. Andere Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden ins KZ Dachau deportiert.

Hat es nicht zu lange gedauert, bis mit dem Wiederaufbau der Synagoge jüdisches Leben nach Graz zurückgekehrt ist?
So sie überhaupt passiert ist, hat die Aufarbeitung der Geschehnisse während der Zeit des Nationalsozialismus sehr lange auf sich warten lassen. Sie hat im Wesentlichen erst eingesetzt, als die Täter nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden konnten. In Graz hatte die jüdische Gemeinde die Befürchtung, dass mit dem Sichtbarmachen jüdischen Lebens, also der Wiedererrichtung der Synagoge, auch der Antisemitismus wieder steigen würde.

Haben Sie den Eindruck, dass Menschen aus der Geschichte lernen?
Ich glaube, dass Menschen nur allzu schnell vergessen, vor allem, wenn es ihnen gut geht. Wenn sich aber die sozialen Verhältnisse verschlechtern, wie etwa jetzt während der Pandemie, tendieren viele wieder zu Extremismus oder Verschwörungstheorien, auch die Dämonisierung im politischen Bereich nimmt zu. Diese Entwicklung ist gefährlich.

Hat der Judenhass wieder zugenommen?
Der Antisemitismus war nie weg, er ist nur wieder salonfähig geworden, hat neue Gesichter und nunmehr auch neue Dimensionen bekommen. Der israel-orientierte Antisemitismus hat vielerorts Einzug gehalten. Der althergebrachte Antisemitismus ist nach der Shoah nicht artikulierbar, der israel-orientierte Antisemitismus betrifft Juden auf der ganzen Welt und ist vielerorts, vor allem bei der politischen Linken, akzeptabel. Zwischenzeitig haben aber auch physische Attacken auf Juden in Europa dramatisch zugenommen, jetzt auch verstärkt in Deutschland. Und natürlich dürfen die Anschläge im Vorjahr in Graz nicht abgetan werden.

Der Grazer Täter wurde verurteilt - hat der Rechtsstaat die notwendigen Konsequenzen gezogen?
Ich habe keine Beziehung zu diesem Täter aufgebaut, empfinde auch keinen Hass. Als Jurist akzeptiere ich, wenn es auf Basis einer gerichtlichen Entscheidung zu einer Verurteilung gekommen ist und auch die Gefährlichkeit des Täters festgestellt wurde. Die Frage nach der Machbarkeit einer Therapie eines fremdsprachigen Täters dieser Herkunft möchte ich aber erheben. Aber das ist ein Problem des Maßnahmenvollzugs.

Wo sollte man Ihrer Ansicht nach im Kampf gegen den Antisemitismus ansetzen?
Ich glaube nicht, dass Menschen, die sich über Jahrzehnte in einem antisemitischen Kulturkreis sozialisiert haben oder antisemitisch geprägt sind, „bekehrt“ werden können. Schon gar nicht in Integrationskursen von wenigen Wochen. Effizienter sind reale Begegnungen. Aber auch da bin ich nüchtern. Wenn Schulkinder in einer Stadt mit einem geringen jüdischen Bevölkerungsanteil eineinhalb Stunden lang die Synagoge besuchen und dann jahrzehntelang Stille herrscht, bringt auch das gar nichts. Da darf man nichts schönreden.

Wie begehen Sie den 9. November?
Pogrom-Gedenken läuft Gefahr, in einem reinen Rückblick zu enden. Da verfolge ich einen anderen Ansatz, versuche etwas Positives zu finden, wie die Erinnerung an die Eröffnung unserer Synagoge am 9. November 2000. Am kommenden Dienstag werden wir auch die Synagoge des Verbandes der jüdischen Gemeinden von Graz und Laibach eröffnen. Das offizielle Gedenken findet in Graz dann am 11. November im Rahmen eines Konzerts statt.

Danke für das Gespräch.

Gerald Schwaiger
Gerald Schwaiger
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