19.09.2021 06:00 |

„Erschreckendes Bild“

Sorge um Zukunft: Weniger Kinder in der Klimakrise

Während die einen aufgrund der Klimakrise ihren Wunsch nach Nachwuchs hintanstellen, ist der überbevölkerte Globale Süden mit Hungersnöten und Dürren konfrontiert.

Vier von zehn jungen Menschen auf der ganzen Welt zögern aufgrund der Klimakrise, Kinder zu bekommen, und befürchten, dass die Regierungen zu wenig tun, um die Klimakatastrophe zu verhindern. Das ergab eine britische Umfrage von 10.000 16- bis 25-Jährigen in zehn Ländern.

„Diese Studie zeichnet ein erschreckendes Bild der weit verbreiteten Klimaangst bei unseren Kindern und jungen Menschen. Sie deutet zum ersten Mal darauf hin, dass ein hohes Maß an psychischer Belastung bei Jugendlichen mit der Untätigkeit der Regierung zusammenhängt“, so Klimapsychologin Caroline Hickman von der University of Bath.

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Ich treffe viele junge Mädchen, die mich fragen, ob es noch in Ordnung ist, Kinder zu bekommen.

Luisa Neubauer, deutsche Klimaaktivistin

Luisa Neubauer ist das deutsche Gesicht der Fridays-For-Future-Bewegung und kennt die Ängste der Jugend: „Ich treffe viele junge Mädchen, die mich fragen, ob es noch in Ordnung ist, Kinder zu bekommen. Es ist eine einfache Frage, aber sie sagt so viel über die Klimarealität aus, in der wir leben.“ Deswegen gehen die Schüler auch auf die Straße und fordern die Politik auf, gegen die steigenden Temperaturen anzukämpfen.

Forscher berechnen Emissionen ab Geburt
Die Kohlendioxidemissionen müssen bis 2050 auf zwei Tonnen CO2 pro Person sinken, um eine ernsthafte globale Erwärmung zu verhindern. In den USA und Australien liegen die Emissionen derzeit bei 16 Tonnen pro Person und in Österreich zwischen sieben und acht Tonnen.

Mit der Geburt eines Kindes, so die Analyse einer schwedischen Studie, verursacht man 58,6 Tonnen schädliche Treibhausgase.

Diese Zahl wurde berechnet, indem die Emissionen des Kindes und aller seiner Nachkommen zusammengezählt und dann durch die Lebensspanne der Eltern geteilt wurden. Jedem Elternteil wurden 50 Prozent der Emissionen des Kindes, 25 Prozent der Emissionen der Enkelkinder und so weiter zugerechnet. Weitere Berechnungen der Forscher: Mobilität ohne Auto stößt 2,4 Tonnen CO2 aus. Personen, die auf grünen Strom wechseln verursachen 1,5 Tonnen Emissionen.

Während die Industrieländer für den Hauptteil der CO2-Emissionen verantwortlich sind, leidet der Globale Süden an den Auswirkungen. Die steigenden Temperaturen führen zu Dürren, und ganze Landschaften verschwinden aufgrund des Klimawandels.

Bis 2050 sind 143 Millionen Menschen Klimaflüchtlinge, prognostiziert die Weltbank. Die Auswirkungen auf den Lebensraum und die Existenz sind so dramatisch, dass es keinen anderen Ausweg mehr gibt.

Meeresspiegel steigt, Dürren und Hungersnöte
In Bangladesch und Vietnam bedroht der steigende Meeresspiegel alle Bewohner, die an der Küste leben. In zahlreichen südasiatischen und afrikanischen Ländern, die südlich der Sahara liegen, nehmen Dürren und Stürme zu, bei denen die Menschen oft nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre kleinbäuerliche Existenz verlieren. Hungersnöte treiben Millionen Menschen in die Flucht. Ärmeren Ländern fehlt es zudem an Anpassungsmöglichkeiten an den Klimawandel.

In den nächsten Jahren wird also eine Massenflucht, nicht nur innerhalb der betroffenen Länder, sondern auch Richtung Industrieländer erwartet.

„Globaler Süden spürt es als Erstes“
Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin an der WU Wien, appelliert an die Politik, einzugreifen, um die Klimakrise abzuschwächen.

„Krone“:Die Weltbank prognostiziert bis 2050 143 Millionen Klimaflüchtlinge. Aus welchen Ländern kommen diese Menschen?
Judith Kohlenberger: Das betrifft vor allem Binnenflüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara, in Südasien und in Lateinamerika.

Wie kann man diese Massenflucht verhindern?
Durch mutige politische Eingriffe. Verhindern können wir sie ohnehin nicht mehr, und das werden Menschen im Globalen Süden als Erstes zu spüren bekommen. Gleichzeitig haben sie aber am wenigsten CO2-Emissionen beigetragen.

In der Genfer Flüchtlingskonvention gibt es keine Klima- oder Umweltflüchtlinge. Sollte diese Lücke geschlossen werden?
Angesicht der aktuellen, sehr defizitär geführten Asyldebatte würde ich davon abraten, die Genfer Flüchtlingskonvention aufzumachen. Viel notwendiger wäre es, die bereits jetzt enthaltenen Fluchtgründe bei der Aufnahme von Geflüchteten auch wirklich anzuwenden, und zwar weltweit.

Wann ist der Klimawandel ein Fluchtgrund?
Der Klimawandel ist indirekt als Fluchtgrund anerkannt, und zwar insofern, als er zu sogenannten Klimakonflikten führen kann, etwa gewaltsame Auseinandersetzungen um Wasser oder fruchtbaren Boden, wie zum Beispiel in Mali und dem Sudan.

Katharina Pirker
Katharina Pirker
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