05.08.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Über Sex-Mythen, Ängste und realistische Risiken

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über realistische Risiken beim Sex.

Nicht immer sind sexuelle Ängste begründet. Eine typische Jugendfrage an Sexualpädagogen ist beispielsweise, ob es passieren kann, dass beim Sex der Penis stecken bleibt. Wenn die Eltern früher als erwartet nach Hause kommen würden, eines Abends, und Jugendliche in genau dem Moment aber Geschlechtsverkehr hätten, könnte sich dann die Vagina nicht plötzlich so verkrampfen, dass sie den Penis so festhält, dass der Mann nicht mehr heraus kann, und dann der Notarzt gerufen werden muss? So, oder so ähnlich schildern Jugendliche das von ihnen gefürchtete Szenario, in dem sie von ihren Eltern beim Sex erwischt werden und dann etwas ganz Schlimmes passiert.

Diese immer wieder erzählte Geschichte ist ein an den Haaren herbeigezogener Mythos. Die Muskulatur im Beckenboden ist zwar sehr stark, aber kein Schraubstock. Außerdem würde in so einem Fall auch der Penis irgendwann schlaff werden. Vermutlich wird die Geschichte so häufig erzählt, weil sie die Bestrafungsängste von Jugendlichen widerspiegelt - aber nicht ein realistisches Risiko.

Was schon vorkommen kann, sind Eltern, die unbemerkt nach Hause kommen. Wie bei einer Wanderung in einer Gegend mit Schlangen empfiehlt es sich deshalb, dass Eltern von Jugendlichen beim Heimkommen immer ein bisschen zu viel aufstampfen, um sich bemerkbar zu machen. Denn spätestens ab 14 geht Eltern die Sexualität ihrer Kinder nicht mehr viel an.

Auch eine Verkrampfung der Scheiden- und Beckenbodenmuskulatur gibt es, ein sogenannter Vaginismus. In dem Fall ist die Muskulatur rund um die Vagina, oft aus Angst vor Schmerzen, tatsächlich schon vor dem Geschlechtsverkehr so verkrampft, dass sie einen Penis oder auch einen Finger nicht aufnehmen kann. Vaginismus ist zwar eine behandelbare Sexualstörung, aber auch hier: kein medizinischer Notfall.

Es gibt aber sexuelle Praktiken, die ein wenig mehr Vorwissen voraussetzen als andere. Zum Beispiel Analsex. Im Gegensatz zur Vagina produziert der Anus bei Erregung nämlich keine Gleitflüssigkeit und ist im Körperinneren auch nicht abgeschlossen. Das bedeutet, dass es ein höheres Verletzungsrisiko gibt und Dinge, die man in den Anus steckt, dort verschwinden können. Nicht verschwinden wie beim Löschen einer noch nicht abgeschickten Nachricht am Handy. Sondern mehr so wie bei Lost: nach einem Flugzeugabsturz darauf wartend, mithilfe von außen aus der misslichen Lage befreit zu werden. Dieses Objekt ist meistens ein Dildo, der beim Analsex ins Rektum gerutscht ist und von allein nicht mehr den Weg zurückfindet. Das passiert zwar nicht sehr häufig, auch weil Analsex generell eher selten gemacht wird. Aber manchmal eben doch.

Deshalb gibt es eigene Anal-Sextoys bzw. Anal-Buttplugs, die einen „Stopper“ haben, also am Ende breiter werden und nicht in den Enddarm rutschen können. Um sich darüber beim Sex (und vor allem danach) keine Gedanken machen zu müssen, ist es sinnvoll, diese speziell für Analsex entwickelten Sextoys und nicht andere Dinge oder Gegenstände zu verwenden (so man das möchte). Empfohlen wird außerdem, Dildos nicht so tief in Körperöffnungen einzuführen, dass sie nicht wieder herauszuholen sind. Denn ihr Verschwinden ist, im Gegensatz zum Mythos des penis captivus, tatsächlich ein Grund, warum Menschen im Krankenhaus vorstellig werden.

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Barbara Rothmüller
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