10.06.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Über die alltägliche Benachteiligung Homosexueller

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über die Entschuldigung für die Verfolgung homosexueller Menschen durch die Justiz. 

Von einer Entschuldigung kann man sich nichts kaufen. Sie ist keine Entschädigung, keine Rehabilitierung der Opfer. Und trotzdem ist sie symbolisch wichtig. Alma Zadic hat sich für die strafrechtliche Verfolgung von homosexuellen Menschen öffentlich entschuldigt. Dass eine Politikerin stellvertretend für die Justiz diese Entschuldigung ausspricht, ist ein wichtiger Schritt, der vor allem jenen queeren Generationen viel bedeutet, die zu einer Zeit ihr Coming Out hatten, in der gleichgeschlechtliche Liebe noch strafbar war.

Für die junge Generation gibt es mittlerweile Lego-Spielfiguren in Regenbogenfarben, und sogar Andreas Gabalier hat unlängst ein Lied veröffentlicht, das alle Menschen adressiert - auch jene, die gleichgeschlechtlich lieben. Braucht es heute überhaupt noch mehr Aufklärung und Kampf gegen Diskriminierung, wie Alma Zadic es fordert?

Lesbische, schwule, bisexuelle und queere Menschen sind in manchen Bereichen rechtlich gleichgestellt. Sie dürfen in ihrem Beruf nicht diskriminiert werden. Aber bereits beim Zugang zu Dienstleistungen - bei der Suche nach einer Wohnung, einem Hotelzimmer oder einem kalten Bier - gilt dieser Diskriminierungsschutz nicht. 2020 hätte es die Chance gegeben, das rechtlich zu ändern. Allerdings hat die Ausweitung des Diskriminierungsschutzes damals nicht die politische Unterstützung u.a. der Grünen gefunden. Das hat queere Communities mindestens so stark irritiert wie aktuell der Homo-Gig des österreichischen Bierzelt-Popstars.

Auch sonst gehört Diskriminierung leider noch immer zur queeren Lebenserfahrung. Heterosexuellen Menschen fehlt teilweise der Einblick in die alltägliche Benachteiligung von homo- und bisexuellen Menschen. Sie sind also eher nicht die Richtigen, um zu beurteilen, wie viel Gleichstellung wir in der österreichischen Gesellschaft bereits erreicht haben. Für eine realistische Einschätzung muss man mit den Betroffenen selbst sprechen. Genau das passiert jedoch noch viel zu selten.

Vielleicht ist es nicht immer Ausgrenzung, sondern manchmal auch Unsicherheit. Oder weil es einfach angenehm ist, sich immer nur mit Leuten zu treffen, die so ähnlich sind wie man selbst. Aber egal warum: Zwei Drittel der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft hat keinen persönlichen Kontakt zu Personen einer sexuellen Minderheit, zumindest nicht wissentlich. Das zeigen meine Befragungsdaten aus dem letzten Jahr. Dass sich heterosexuelle Menschen so abschotten, ist Teil der Diskriminierung sexueller Minderheiten. Längst überfällig, dass nicht nur Politikerinnen und Politiker auf queere Communities zugehen - und der Symbolpolitik auch konkrete Maßnahmen der Antidiskriminierung folgen.

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Barbara Rothmüller
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