29.05.2021 09:55 |

Holzbau in der Krise

„Müssen mit vollen Auftragsbüchern zusperren“

Holzbauexperte Dr. Matthias Ammann spricht über den steigenden Holzpreis, warum dieser speziell den Zimmerern zu schaffen macht und weshalb Exportzölle und eine Besteuerung des Transports sinnvoll wären.

Krone: Herr Dr. Ammann, als österreichweiter Vertreter des Holzbaus waren Sie auch beim Vorarlberger Holzgipfel Ende April dabei. Was kam denn dabei heraus?

Matthias Ammann: Na ja, noch keine konkrete Aktion. Allerdings war das nicht zu erwarten, denn so ein Zusammentreffen hat es - jedenfalls soweit ich mich erinnern kann - noch nie gegeben. Es ging also erst einmal darum, sich gegenseitig auf Stand zu bringen. Aber, und soviel darf ich verraten, es sind bereits erste Projekte ernsthaft in Prüfung, und das ist eine Folge des lokalen Gipfels.

Die Akteure des Holzbaus sind noch nie an einem Tisch gesessen?

Nicht in der Form, dass hochrangige Vertreter aus Wirtschaft, Landwirtschaft sowie Delegierte von Forstwirtschaft, Holzbau, Tischlerei, Holzhandel und Sägeindustrie gleichzeitig dabei waren. Das ist schon bemerkenswert.

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Mangelnde Planbarkeit, mangelnde Rohstoffverfügbarkeit und mangelnde Preisverlässlichkeit führen derzeit dazu, dass auch gut aufgestellte Holzbaubetriebe in absehbarer Zeit in Kurzarbeit gehen oder schließen müssen - und das bei vollen Auftragsbüchern.

Dr. Matthias Ammann

Eine Lösung für den steigenden Holzpreis gibt es also noch nicht. Wenn ich mir die Frage erlauben darf: Ist der Aufschrei überhaupt gerechtfertigt? Immerhin heißt es im Holzmarktbericht der Landwirtschaftskammer Österreich, dass der Holzpreis im Herbst 2020 auf einem tiefen Niveau war und es seither nur zu zögerlichen Preissteigerungen gekommen ist.

Was den reinen Rundholzpreis angeht, ist der Aufschrei nicht mehr gerechtfertigt. In früheren Jahren haben sich nur wenige Säger bemüht, den Waldbesitzern den notwendigen Preis zu zahlen. Aktuell werden sie bundesweit angemessen bezahlt. Vorarlberg hat genügend Wald, um die lokale Nachfrage nach Bauholz abzudecken. Es fehlt an der regionalen Weiterverarbeitung. Deshalb ist es im modernen Holzbau nicht möglich, alle Bauaufgaben mit lokalem Holz umzusetzen. Die heutigen Konstruktionen erfordern Plattenwerkstoffe und Leimbinder, die in Vorarlberg nur in geringen Mengen vorhanden sind. Die Zimmerer leiden deshalb unter aktuellen Lieferverzögerungen und der undurchsichtigen Preispolitik einiger weniger aber riesiger global tätiger Holzindustrien.

Inwiefern?

In den vergangenen Jahren ist es in den Lieferketten folgendermaßen abgelaufen: Der Zimmerer gab vor, welche Holzwerkstoffe er in welchen Formaten benötigt. Innerhalb weniger Tage wurden diese von Handel und Industrie zugestellt. Die Zimmerer waren im Vergleich zu den Zulieferern aufgrund der Wettbewerbssituation in einer komfortablen Situation. Da die meisten Produkte aus den österreichischen Bundesländern oder Deutschland kamen, waren regional nur noch kleine Mengen an Nischenprodukten verfügbar. Der Preis für Industrieprodukte war an sich zu niedrig, da aber die Nachfrage entsprechend groß war, hat es sich schlussendlich auch für die Sägeindustrie ausgezahlt. Im vergangenen Jahr hat sich die Situation unter anderem dadurch verschärft, dass der damals amtierende amerikanische Präsident Trump die Einfuhr von kanadischem Holz in die USA gesperrt hat. Somit stieg die Nachfrage nach Holz aus Europa.

Das heißt: Wegen der großen Nachfrage aus den USA exportieren wir Holz, obwohl es hier benötigt wird?

Grundsätzlich ja, wobei natürlich auch Corona und einige Wetterkapriolen berücksichtigt werden müssen. An sich aber hat Österreich genug Holz, um heimische Zimmereibetriebe zu versorgen. Ein weiteres Problem: Größere Bauprojekte haben eine Vorlaufzeit von zwei, drei Jahren. Die Zimmerer haben also noch Aufträge bis Herbst 2021, allerdings mit Preisen zum Stichtag der Auftragsannahme. Nun steigt der Preis, und somit weiß der Zimmerer nicht, ob beziehungsweise wie er den Auftrag bewerkstelligen kann. Neue Anfragen kann er auch nur schwer bedienen, weil die Preise ständig steigen. Mangelnde Planbarkeit, mangelnde Rohstoffverfügbarkeit und mangelnde Preisverlässlichkeit führen derzeit dazu, dass auch gut aufgestellte Holzbaubetriebe in absehbarer Zeit in Kurzarbeit gehen oder schließen müssen - und das bei vollen Auftragsbüchern.

Und das, obwohl Holzbau wesentlich umweltfreundlicherer und auch politisch erwünscht ist.

Definitiv. Holz spart im Vergleich zu Beton rund 50 Prozent an CO2, also Kohlenstoffdioxid, ein. Das hat die Politik in den vergangenen Jahren weltweit erkannt und forciert deshalb den Holzbau, speziell in Hinblick auf die Klimaerwärmung. Ich halte übrigens nichts davon, Wälder auf Basis von fixen Quoten außer Nutzung zu stellen, wie das etwa die Grünen EU-weit fordern. Das würde bedeuten, die CO2-Leistungen der Wälder zu vermindern und die dringend benötigten Baustoffmengen für klimafreundliches Bauen zu reduzieren. Nicht, dass man das jetzt falsch versteht: Ich bin für den Erhalt der Wälder und für Naturschutzgebiete. Aber wo wir können, müssen wir Beton durch Holz ersetzen - am besten Beton möglichst unter die Erde, und wo es passt, Holz über der Erde. Und dafür brauchen wir gesunde nachhaltig bewirtschaftete Wälder. Wir müssen zukünftig viel intelligenter bauen und verdichten, Freiräume schaffen. Wir brauchen mehr an die Bedürfnisse des Menschen angepasste Quartiere. Jetzt aber könnten wir in die perverse Situation geraten, in Kanada Holz einzukaufen, um in Europa klimafreundlich zu bauen.

Wie kommt man aus diesem Dilemma wieder heraus? Innungsmeister Herbert Brunner fordert etwa Exportzölle.

Warum nicht? Meiner Meinung nach braucht es bei alpinen Lebensgütern wie Wasser, bäuerlichen Nahrungsmitteln oder eben Holz neue politische Herangehensweisen und vor allem Kostenwahrheit im Hinblick auf den globalen Verkehr. Es kann nicht sein, dass alle Güter völlig sinnbefreit einer hemmungslosen Marktwirtschaft unterliegen. Wer setzt sich endlich für eine kostengerechte Besteuerung der gesamten Transportabläufe ein? Solange die Politik bei diesem Thema nicht vorankommt, sind alle „Green Deal-Ambitionen“ nur nettes Beiwerk zum globalen Transportwahnsinn. Also ja: Warum nicht über Exportzölle diskutieren? Die Frage ist doch: Wo sind die Grenzen der nackten Gier? Wäre nicht eine ökosoziale Marktwirtschaft für alle Gesellschaften deutlich gerechter?

Fakten

Zur Person:
Dr. Matthias Ammann ist Unternehmensberater mit Fokus auf Verbandsmanagement sowie Geschäftsführer der vorarlberger holzbau_kunst. Beim Bundesverband der Holzbaubetriebe zeichnet Matthias Ammann für die Bereiche Strategie und Kommunikation verantwortlich.

Christiane Mähr
Christiane Mähr
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