12.11.2020 06:36 |

Kapazitäten bald knapp

In Österreichs Spitälern ist nun Feuer am Dach

„Das Wasser steht uns bis zum Hals“, sagt der Innsbrucker Infektiologe Günter Weiss. Mehr als 530 Covid-Patienten liegen aktuell auf den Intensiv-, 3200 auf den Normalstationen in Österreichs Spitälern - und es steigt weiter.

Um 1000 mehr – und das binnen einer Woche: Im Vergleich zum Mittwoch der Vorwoche stieg die Auslastung laut Gesundheit Österreich auf den Intensivstationen um 150, auf den Normalstationen um 1000 Personen. „Es ist Feuer am Dach“, sagt Infektiologe Günter Weiss – denn die aktuelle Belegung spiegelt lediglich das Infektionsgeschehen von vor zehn Tagen wider.

Zwischen ein und zwei Prozent der aktuellen Neuinfektionen – am Mittwoch mit 7514 der zweithöchste Wert in Österreich bisher – müssen in einer Woche auf der Normal-, in zwei Wochen auf der Intensivstation behandelt werden. Doch die Liegedauer auf der Intensivstation ist hoch – „wir nehmen also immer mehr Menschen auf, während wir wenig entlassen können“, sagt Weiss.

Akut-Gefahr für Triage in Österreichs Spitälern
Ist die Triage - also das Abnehmen eines älteren Patienten von der Beatmung zugunsten eines jüngeren mit höheren Überlebenschancen - also überhaupt noch verhinderbar? „Das ist eine entscheidende Frage, die man nicht abschließend beantworten kann“, sagt Weiss. Wichtig sei nun aber, dass wirklich jedem, der bisher meinte, das Virus sei nicht so schlimm, klar werde, dass er mithelfen muss, um die Situation irgendwie in den Griff zu bekommen.

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Wir haben immer mehr Patienten auf den Normalstationen, auch auf der Intensiv wird es eng.

Günter Weiss, Infektiologe

Eine Einschätzung, die auch Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich, teilt: „Die aktuellen Entwicklungen verbunden mit den Prognosen weisen auf ein kritisches Niveau hin, sodass es maßgeblich ist, dass die ergriffenen Maßnahmen auch so umgesetzt werden, dass diese Wirkung zeigen.“

Wenig Spielraum für Spitäler
Es brauche eine Reduktion der Neuinfektionen – und zwar nachhaltig, „denn“, so Ostermann, „wir bewegen uns an einer Grenze, in der sehr wenig Spielraum besteht und in der auch noch keine Entspannung zu verzeichnen ist.“ In den vergangenen sieben Tagen ist die Zahl der Infektionen auf 531 pro 100.000 Einwohner gestiegen. Im Schnitt kamen in der vergangenen Woche jeden Tag 48 Tote hinzu. Jeden Tag.

Personal bleibt weiter kritische Ressource
In Oberösterreich etwa liegen laut AGES aktuell 98 Patienten auf der Intensivstation, in Wien 124, in Tirol 50. In der Steiermark, wo derzeit 64 Personen intensivmedizinisch betreut werden, wird gerade ein altes Spital wieder hochgefahren, um die Kapazitätsgrenzen zu erweitern.

Doch auch wenn es gelingt, mehr Betten, mehr Geräte zu generieren – das Personal bleibt eine kritische Ressource, wie Ostermann erklärt: „Gewisse Tätigkeiten können zwar von Personal aus anderen Stationen übernommen werden, doch gerade in der Intensivversorgung braucht es spezielle Ausbildungen und Kenntnisse.“

Ob aufgrund der brisanten Situation weitere Verschärfungen drohen, ist noch unklar, die Regierung will am Freitag beraten - und schweigt. Weiss plädiert für einen besseren Schutz von vulnerablen Gruppen, verstärkte Screenings, einheitliche Hygienekonzepte und eine optimierte Kontaktverfolgung - „ein totaler Shutdown ist für mich die Ultima Ratio“, sagt er. Ein vorsichtiger Lichtblick könnte der neue Impfstoff sein.

Anna-Katharina Haselwanter, Kronen Zeitung

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