03.05.2020 06:03 |

Berichten als Pflicht

Kriegserinnerungen eines Abenteurers: Hans Dichand

Vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. „Krone“-Gründer Hans Dichand erlebte ihn bei der Marine. Zeitzeugenberichte empfand er als Pflicht gegen das Vergessen.

„Ich halte es für meine Pflicht, als Augenzeuge genauso zu berichten, wie ich es damals erlebt habe.“ Viele Erzählungen des 2010 verstorbenen „Krone“-Gründers Hans Dichand begannen mit diesen Worten, wenn er in seiner Zeitung zur Feder griff, um über den Zweiten Weltkrieg zu berichten.

Einiges davon wollen wir heute in seinen Worten wiedergeben. Von Italien bis Spanien, vom Afrika-Feldzug in Libyen bis in die Niederlande, wo Dichand die Nachricht von der Kapitulation erreichte, führte ihn der Krieg. „Abenteuerlust“, so sagte er selbst, ließ ihn als junger Mann zur Kriegsmarine gehen.

Wie durch ein Wunder überlebte er den Untergang der Leverkusen 1941, in Mallorca kam es zu einer unerwarteten Begegnung 1943, und in den Niederlanden traf Dichand nach Kriegsende 1945 einen „Engel im Fegefeuer“.

Im Folgenden lesen Sie Dichands Kriegserinnerungen im Wortlaut:

1941: Der Ruf nach der Mutter
Der 1. Mai 1941: Von Tripolis kommend befanden wir uns auf der Rückfahrt nach Neapel nahe den Kerkenna-Inseln. Ein Torpedotreffer ließ die Leverkusen erbeben, und sie sank. Eiserne Türen waren verklemmt worden, und die Eingeschlossenen konnten nicht heraus. Einige starben einen schrecklichen Tod. Ein weiterer Torpedo traf. Unser Geschützstand brach zusammen.

Ich kroch aus den Trümmern hervor, ließ mich ins Wasser fallen. Nun versuchte ich verzweifelt, vom sinkenden Schiff wegzukommen. Unaufhaltsam zog mich die Strömung zu den Torpedolöchern. Schon trieb ich durch eines dieser Höllentore ins Dunkle des Schiffsinneren. Es stank nach Dieselöl, leere Benzinfässer klemmten mich ein, trafen mich mit großer Wucht. Ich schluckte Salzwasser und wusste nicht, wo oben und unten war. Den Tod erwartend, kam mir nur ein Schrei über die Lippen: „Mutter!“ Oft habe ich mich später gefragt: Warum dieser Schrei aus dem Unterbewusstsein am erwarteten Ende des Lebens? Vielleicht weil der Mensch den Drang hat, am Ende dorthin zurückzukehren, von wo er gekommen ist?

Die schrecklichen Minuten im Inneren des Schiffsbauchs aber waren nicht das Ende. Im Sinken stellte sich die Leverkusen auf und schüttete mich durch eines der Torpedolöcher wieder ins Meer. Dann verschwand die Leverkusen wie ein Riesenwal in der Tiefe.

1943: Ein unerwartetes Treffen auf Mallorca
Anton Zischkas Werke wurden in viele Sprachen übersetzt und erzielten hohe Auflagen. Er schrieb, lange bevor sich grünes Denken bei uns durchsetzte, gegen die Überbeanspruchung der Natur. Als Journalist war er mein Vorbild. 1940 bei der Kriegsmarine eingerückt, war ich erst im Atlantik und seit 1941 im Mittelmeer eingesetzt. Auf alten Kähnen versorgten wir das Afrika-Korps. Dann wurde ich an die italienische Marine „ausgeliehen“.

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Ich konnte mich frei bewegen, den Italienern ging es nicht so gut, Franco-Spanien sah sie als Verräter an.

Hans Dichand

Als Spezialist für ein Flak-Geschütz, das die deutsche Kriegsmarine geliefert hatte, kam ich auf die Orsa. Dort hatte ich italienische Matrosen an der neuen Waffe zu schulen. 1943 beendete Italien den Krieg. Hitlers Zorn entlud sich. Es war das Ende der italienischen Kriegsflotte des Zweiten Weltkrieges. Die Orsa entkam nach Mallorca. Dort angekommen, wurden wir in Puerto Pollensa interniert. Für mich war es wie ein fantastischer „Urlaub vom Krieg“. Ich konnte mich frei bewegen, den Italienern ging es nicht so gut, Franco-Spanien sah sie als Verräter an.

Hier in Pollensa erfuhr ich, dass ganz in der Nähe Anton Zischka lebte. Sofort wanderte ich los und klopfte unangemeldet bei ihm an. Er empfing mich freundlich, und nach diesem ersten Besuch wurde ich noch einige Male in sein Haus eingeladen. Wir führten lange Gespräche über den Krieg, von dem die Insel verschont war. Nach einigen Monaten wurde ich wieder - angeblich durch Austausch mit einem auf Mallorca notgelandeten alliierten Piloten - in den Krieg zurückgeholt.

1945: Mein Kriegsende - ein Engel im Fegefeuer
Nach drei Jahren im Mittelmeer wurde ich nach Holland kommandiert. In den ersten Maitagen 1945 wurden wir in Alarmzustand versetzt. Kanadische Streitkräfte befänden sich im Vorstoß auf uns. Wir erwarteten den Angriff. Die Sonne schien, als uns die Meldung von der Kapitulation erreichte. Wir blieben ruhig, jeder hing seinen Gedanken nach. Einer schlich sich davon. Wir fanden ihn tot an einem Baum hängend. An seiner Brust steckte das goldene HJ-Abzeichen.

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Ein Kanadier bot mir wie zum Tausch eine Zigarette an. „I don’t smoke“, lächelte ich ihn dankend an. So endete für mich einer der größten und furchtbarsten Kriege der Weltgeschichte mit einer Geste der Freundlichkeit und Solidarität unter Soldaten.

Hans Dichand

Ein Kanadier bot mir wie zum Tausch eine Zigarette an. „I don’t smoke“, lächelte ich ihn dankend an. So endete für mich einer der größten und furchtbarsten Kriege der Weltgeschichte mit einer Geste der Freundlichkeit und Solidarität unter Soldaten. Nach der Kapitulation wollten wir den Krieg möglichst schnell hinter uns lassen, das deckte sich mit dem Wunsch der Holländer, uns, ihre Besatzer, loszuwerden. Zu Fuß ging es in Richtung Deutschland. Es wurde ein Spießrutenlauf. Wir wurden angespuckt, Steine flogen. Wären da nicht die Kanadier gewesen, man hätte uns getötet.

Da stand auf unserem Marsch einmal eine Frau am Rande der Straße. Mitten in der Menge, von der sie angespuckt und verflucht wurde, reichte sie uns Wasser. Man beschimpfte sie, aber niemand griff sie tätlich an. Vielleicht war sie nur eine Frau, die ihr Christentum ernst nahm, vielleicht auch ein Engel, der in dieses Fegefeuer geschickt worden war, um ein Zeichen zu setzen ...

Kronen Zeitung

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