05.04.2020 09:00 |

Steiermark History

Als Steirer sich selbst im Bußgang geißelten

Weil durch die Pest und andere furchtbare Katastrophen das Ende der Welt gekommen schien, zogen Männer mit nackten Oberkörpern in düsteren Prozessionen durch das Land und flehten um Gottes Gnade.

Es war eine faszinierend-düstere Szenerie, die sich den Menschen Mitte des 14. Jahrhunderts in der Steiermark bot: Vielerorts zogen Männer mit entblößten Oberkörpern durch die Straßen, beteten, sangen und schlugen sich selbst mit Ruten und Geißeln die Rücken blutig. Bisweilen wurden diese so genannten Flagellanten mit lautem Glockengeläut und ehrfürchtigem Schauder von der Bevölkerung empfangen, einige aus dem Volk schlossen sich den ritualisierten Prozessionen an, um für ihre Sünden Buße zu tun. Da in der Vorstellung der Geißler das Weltende unmittelbar bevorstand, flehten sie in Betgesängen um die Gnade Gottes.

Das Ende der Welt schien gekommen
Dass der Untergang wohl nicht mehr fern sein konnte, hing für viele Menschen des Mittelalters mit einer außergewöhnlichen Häufung von Katastrophen zusammen. Davon gibt noch heute das Gottesplagenbild an der Fassade des Grazer Doms eindrucksvoll Zeugnis. Es wurde 1485 geschaffen und zählt zu den historisch wie künstlerisch bedeutendsten Fresken der Steiermark. Laut Inschrift haben die Grazer Bürger das Gemälde gestiftet, als sich die Stadt in schlimmer Not befand: Das Land wurde zugleich von den Osmanen, der Pest und einer furchtbaren Heuschreckenplage heimgesucht - und man fand nur eine Erklärung für dieses kollektive Unglück: „Die Sündhaftigkeit der Welt wird jetzt von Gott bestraft“, erklärt Johannes Gießauf, Mediävist an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Pest kam immer wieder in Wellen in unser Land
Die Pest kam immer wieder in Wellen in unser Land, zwischen 1478 und 1482 brach die Seuche erneut in den steirischen Ortschaften aus. Aber schon zuvor, nämlich um das Jahr 1348, forderte die Epidemie massenhaft Opfer. Genaue Todeszahlen lassen sich heute nicht mehr eruieren, aber „der seriöseste gemeinsame Nenner ist: Rund ein Drittel der Bevölkerung kam ums Leben“, sagt Johannes Gießauf. Die Auswirkungen waren dramatisch: Kleine steirische Ortschaften verschwanden im 14. Jahrhundert komplett von der Bildfläche, vielen Grundherren fehlten die Bauern, die ihre Felder bestellten.

Verschwörungstheorien des Mittelalters
Zwischen dem Gestern und dem Heute lassen sich durchaus Parallelen ziehen: „Man war damals panisch und hysterisch und setzte auf Verschwörungstheorien. Gerüchte, die sich heute wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien und im Internet verbreiten, fanden damals auch durch Mundpropaganda rasch offene Ohren“, erklärt Johannes Gießauf.

Und man gab nicht nur dem eigenen lasterhaften Leben die Schuld, sondern fand auch willkommene Sündenböcke für die allgemeine Misere der Zeit. Juden wurden zum einen als Brunnenvergifter und Hostienschänder diffamiert, zum anderen stellte man sie als Schuldige an der Pest an den Pranger. Punktuell gab es Judenverfolgungen, vor allem im heutigen Gebiet von Kärnten. Belegt allerdings ist auch, dass die offizielle Kirche bald Verbote gegen die Flagellanten und die Progrome erließ.

Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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