30.07.2019 07:00 |

Album „Oklahoma“

Keb‘ Mo‘: Der Bluesrock als Gefäß für die Seele

Mit „Oklahoma“ legte der vierfache Grammy-Gewinner Keb‘ Mo‘ unlängst eine weitere Talentprobe für Bluesrock mit viel Soul ab. Vor seinem gefeierten Konzert im ausverkauften Porgy & Bess traf sich der 67-Jährige mit uns, um etwas tiefer in das Werk und sein Leben im Allgemeinen einzugehen.

Akribisch bastelt er an seiner Mundharmonika, putzt mit einer feinen Zahnbürste vorsichtig den Dreck herunter und sucht beim Hineinblasen den perfekten Klang. „Naja, wir kommen dem Ziel immerhin ein Stückchen näher“, merkt er schmunzelnd an, während er versucht, sich auf die Interviewfragen zu konzentrieren. Kevin Moore, besser bekannt als Keb‘ Mo‘, ist ein Vollblutmusiker mit sympathischer Ausstrahlung und viel Humor. Vor seinem Auftritt im ausverkauften Wiener Jazzclub Porgy & Bess empfängt er die „Krone“, um über sein neues Album „Oklahoma“, sein bewegtes Leben und seine Familie zu sprechen. Dass er Multitasking nur begrenzt beherrscht und sich bei manchen Antworten gar sehr viel Zeit lässt, ist seiner instrumentalen Akribie geschuldet. „In Interviews muss ich mir stets etwas Neues einfallen lassen, damit es für die Journalisten nicht langweilig wird. Die Menschen wissen schon so viel von mir, dass es nicht mehr leicht ist, mit neuen Infos um die Ecke zu kommen.“

Vernunft oder Herz
Die Musik war Keb‘ Mo‘ (eine Abkürzung von Kevin Moore) schon in die Wiege gelegt, bis zum großen Durchbruch 1994 musste er aber ein halbes Leben warten. Den Gospel und Blues hatte er seit seiner Kindheit im Blut, prägend ist seine Mutter Lauvella Cole, die letzten Herbst im stolzen Alter von 91 verstarb und der Mo‘ sein neues Album widmet. „1989 hatte ich das erste Mal die Einsicht, dass ich als Musiker versagt habe. Ganz schön spät für einen, der schon mehr als 20 Jahre davor spielte oder?“, lacht er breit, „ich habe aber nie aufgehört zu spielen und zu komponieren. Damals ging auch meine Ehe den Bach runter, aber jeder sollte zumindest in einem Teil seines Lebens uneingeschränkt glücklich sein. Wenn schon nicht in der Ehe, dann eben im Job. Die Eltern wollten immer, dass ich etwas ,Vernünftiges‘ mache, weil ich sonst arm enden würde. Aber was ist vernünftig? Meine Eltern hatten vernünftige Jobs, aber reich waren sie trotzdem nicht.“

Die Leidenschaft für den Blues, die Liebe zu seinem großen Idol Robert Johnson, den Mo‘ 1998 in der Dokumentation „Can’t You Hear The Wind Howl?!“ sogar auf der Leinwand verkörpern durfte, und das stete Streben nach Glück durch den Klang, ließen ihn immer weitermachen. Auch wenn die Zeiten hart und das Brot knapp wurde. „Ich kann auch etwas bedeuten, ohne im Rampenlicht zu stehen“, sinniert er über die harten Jahre, „jeder Mensch ist anders und einzigartig. Jeder hat ein Talent, für das ihn andere beneiden. Dass nicht jeder mit Reichtum und Ruhm gesegnet wird, ist nicht vermeidbar.“ Obwohl Keb‘ Mo’s Karriere erst vor 25 Jahren Fahrt aufgenommen hat, ist er mittlerweile vierfacher Grammy-Gewinner, beliebter Kooperationspartner für Musiker unterschiedlichster stilistischer Couleur und zudem begehrt in allen Jazzclubs und bei qualitativ hochwertigen Festivals. Nach dem Grammy-veredelten „TajMo“-Werk mit dem legendären Taj Mahal ist „Oklahoma“ ein zwangloses, leichtfüßiges Album, das den 67-Jährigen in seiner ganzen Blüte präsentiert.

Oklahoma und Broadway
Blues, Soul, etwas Country und sogar ein Hauch von Latin-Groove haben auf dem fröhlichen Werk mit Botschaft und Aussagekraft Platz. „Am Anfang stand der Song. Dass irgendwann das ganze Album ,Oklahoma‘ heißen würde, das war eigentlich nie meine Intention. Am Ende ging es aber um das große Ganze. Das Wetter dort, die Geschichte, die musikalische Historie, die Indianer, die Ureinwohner, die Cowboys, die Tornados und die Black-Wall-Street-Gräueltaten, die in den 1920er-Jahren passierten. All die Dinge, die eine Stadt widerspiegeln und ihr Identität verliehen. Grundsätzlich können diese Dinge überall passieren, ich habe aber Oklahoma als Ort dafür herangezogen. Außerdem wollte ich dieses Mal eine klangliche Großspurigkeit, einen gewissen Broadway-Touch.“

Taj Mahal ist am Album trotzdem zu hören, genauso wie Robert Randolph oder Rosanne Cash, der mit „Put A Woman In Charge“ ein feministisches Manifest an die goldene Stimme geschrieben wurde. Die Rolle der Frau ist auf „Oklahoma“ ohnehin stark vertreten. „Wir brauchen auf dieser Welt aber nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer, die Kinder, die Weißen, die Schwulen, die Schwarzen, die Asiaten und die Behinderten. Wir exkludieren Menschen wegen ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion. Damit beschneiden wir uns selbst, weil wir das Geschenk, die tollen Talente all dieser Menschen zu nutzen, nicht annehmen und abstoßen. Ich bin aber kein Prediger, sondern erzählen in meinen Texten nur Geschichten. Diese Geschichten dürfen aber natürlich Themen schrammen, die mir ein Anliegen sind.“

Musiker oder Gärtner
Ein weiterer Schlüsselsong auf dem Album ist „Don’t Throw It Away“, der sich direkt auf das globale Plastikproblem und der daraus resultierenden Umweltschäden bezieht. „Der Song ist ein Tribut an die Umweltaktivistin Dianna Cohen, die zudem eine sehr gute Freundin von mir ist. Der ökologische Fußabdruck ist Menschen in meinem Alter viel zu oft egal, aber so kann doch niemand über die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder nachdenken. Ich kenne viele Leute, die sich dieses Problems bewusst sind und versuche meinen Teil mit der Musik beizutragen. Wäre ich kein Musiker, würde ich wohl Gärtner sein oder irgendetwas ähnliches machen, dass sinnvoll für die Natur ist.“ Das Interesse für die regionalen und globalen Baustellen auf dieser Welt, wuchs mit den Jahren. „Gedanken habe ich mir schon immer gedacht, aber die Probleme werden radikal evidenter. Durch meinen Job hören mir mehr Leute zu als anderen, aber wenn jemand anders einen berührt, der zum nächsten Martin Luther King wird, dann hat er mehr erreicht als ich.“

Ein besonders wichtiges Stück ist schlussendlich der Closer „Beautiful Music“. Nicht nur, weil es eine Ode an seine große Leidenschaft ist, sondern auch weil seine Frau Robbie Brooks Moore darauf zu hören ist. „Das Lied bedeutet mir wirklich viel. Meine Frau ist keine berühmte Sängerin, was die Sache noch interessanter macht. Sie hat das so gut erledigt, dass ich hoffe, wir können künftig wieder etwas zusammen erschaffen.“ Musik bedeutet für Keb‘ Mo‘ in erster Linie Gefühl. „Miles Davis, Herbie Hancock oder James Taylor - sie alle schaffen es, dass es mir beim Hören ihrer Musik gut geht. Ich selbst bin ein Old-School-Musiker. Ich lade Menschen in mein Studio ein und will mit ihnen jammen, kreativ sein. Das Wichtigste im Leben ist, die Angst zu verlieren. Bei mir hat viele Jahre wirklich viel nicht funktioniert, aber ich habe irgendwann erst die Bedeutung meiner Musik erkannt. Erst spät hatten meine Songs eine Seele.“ Und „Oklahoma“ ist das Gefäß, in dem seelenvoller Bluesrock heute zeitlos gedeiht.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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