10.07.2019 11:55 |

Katias Kolumne

Muss man Kinder wirklich vor allem beschützen?

Dass ein bloßes Ballspiel kanadische Forscher auf den Plan ruft, vor der damit einhergehenden Gefahr der „Entmenschlichung“ zu warnen, ist schon verwunderlich genug. Deswegen das Aus von Völkerball im Turnunterricht zu fordern, grenzt an Skurrilität. Denn wer denkt, dass es einem Kind beim Erwachsenwerden hilft, in Watte gepackt zu werden, der irrt. Und zwar gewaltig.

Völkerball ist schnell erklärt, die meisten kennen seine Regeln noch aus dem Turnunterricht: Zwei Teams treten gegeneinander an und versuchen, den jeweiligen Gegner mit einem Ball abzuschießen. Wer getroffen wurde, muss das Spielfeld verlassen. Die Mannschaft, die zuerst alle gegnerischen Spieler vom Platz schießt, gewinnt. So weit, so einfach. Wer an dieser Stelle kein Empörungspotenzial ausmachen kann, soll nun durch eine Studie kanadischer Wissenschaftler eines Besseren belehrt werden.

Denn das Fazit der Forscher fällt niederschmetternd aus: Das gegenseitige Abschießen mit Bällen sei „legalisiertes Mobbing“, das Schülern lehre, ihre Klassenkollegen zu „entmenschlichen“ und ihnen zu „schaden“. Überhaupt sei das Spiel ein „Werkzeug der Unterdrückung“, das möglichst aus dem Turnunterricht verbannt und durch andere Spiele ersetzt werden soll. Doch wäre mit dem Völkerball-Aus das Heranwachsen unserer Kinder tatsächlich leichter und unbeschwerter? Das darf getrost bezweifelt werden.

„Helikopter-Pädagogen“ machen noch keine heile Kindheit
Denn mit der Verteufelung von Völkerball als Grund allen Übels macht man es sich zu einfach. So frustrierend es auch für ein Kind sein kann, nicht der beste Werfer oder Fänger zu sein - auch die Erfahrung, dass es in einem Wettbewerb Bessere (und natürlich auch Schlechtere) als einen selbst geben kann, gehört zur Persönlichkeitsbildung dazu. Ein reines In-Watte-Packen, um jegliches schmerzliche Negativgefühl zu vermeiden, mag zwar als elterlicher Erstreflex durchaus verständlich sein, trägt aber kaum etwas zum Erwachsenwerden bei.

Der neumodische Anspruch, Kinder vor allem und jeden zu bewahren, ist gewiss nachvollziehbar, aber trotzdem falsch. Das bedeutet freilich nicht, dass man Kinder mutwillig Bösartigkeiten aussetzen soll. Aber wie soll ein Kind jemals lernen, mit Rückschlägen umzugehen, sich durchzukämpfen und vielleicht letztendlich auch motivierende Erfolge zu feiern, wenn ihm „Helikopter-Pädagogen“ in überpräventiver Vorsicht schon im Vorfeld die Möglichkeit dazu nehmen?

Abschaffung von Völkerball ist reiner Humbug
Aber nicht nur deswegen ist die Debatte über die Abschaffung von Völkerball reiner Humbug. Es riecht nach Doppelzüngigkeit, einerseits larmoyant den Bewegungsmangel von Kindern zu beklagen und andererseits über die Bösartigkeit von Völkerball zu debattieren. Es ist nämlich anzunehmen, dass dieselben, die sich nun über den kindlichen Ballsport echauffieren, dann als nächstes beklagen, dass Kinder nur noch mit dem Smartphone beschäftigt sind. Und spätestens dann wünschen sie sich Völkerball zurück.

Katia Wagner

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