16.02.2019 06:00 |

Forschung, die ankommt

Ein Katzenbiss ist kein Zuckerschlecken

Am Beispiel eines ungewöhnlichen Unfallhergangs zeigt sich, wie wichtig wissenschaftliche Fragestellungen für uns alle sind und wie sich jeder selber einbringen kann.

Es passierte aus heiterem Himmel und löste eine monatelange Leidensgeschichte aus: Dagmar Dornik aus Kärnten stand in ihrer Küche, als sich ihr süßer Kater „Tobi“ ohne Vorwarnung in ihre Hand verbiss. „Er ist ein Findelkind, ich habe ihn mit der Flasche aufgezogen“, berichtet die Krankenschwester immer noch fassungslos. Durch ihre Ausbildung wusste die Kärntnerin: Jetzt muss schnell gehandelt werden. Denn Katzenbisse sind äußerst gefährlich. Warum, erklärt Prim. Priv.-Doz. Dr. Vinzenz Smekal, Ärztlicher Leiter Unfallchirurgie und Orthopädie, Unfallkrankenhaus Klagenfurt: „Die Fangzähne der Katzen sind relativ lang, sie graben sich tief ins Gewebe, ihre Keimflora ist sehr giftig. Die Krankheitserreger können schwere Infektionen verursachen.“ Schon eine halbe Stunde später wurde behandelt, doch trotz Antibiotika brach innerhalb weniger Tage hohes Fieber aus. Die Keime hatten das Gewebe der Frau vergiftet. Was folgte, waren vier Wochen Spitalsaufenthalt, sechs Operationen, Abdeckung der Wunde mit einem Transplantat aus dem Oberschenkel, und sogar eine Amputation stand im Raum.

Das ist jetzt ein Jahr her, und Dagmar Dornik konnte bereits im vergangenen Sommer in ihren Beruf zurückkehren: „Bis auf eine leichte Einschränkung in der Bewegung nach unten ist meine Hand wieder komplett funktionsfähig.“ Auch der flauschige Übeltäter gehört weiterhin zum Haushalt. „Er bleibt mein Liebling, ich konnte ihn einfach nicht weggeben“,so die Tierfreundin.

Mit ein Grund für das tolle Ergebnis: Die Patientin bekam, was bei offenen Wunden gar nicht üblich ist, von Anfang an Ergotherapie (siehe auch Interview unten). Die Forschungsfrage: „Wie früh soll man mit Ergotherapie beginnen, oder stört eine Therapie die Wundheilung?“ wurde innerhalb eines Projektes zur Unfallverletzungen der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) gestellt. Mit der Katzenbiss-Thematik zeigte sich, dass diese Fragen wesentlich sind. Das wird in Zukunft zahlreichen Unfallopfern zugute kommen. „Es ist wichtig, Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm heraus zu den Menschen zu bringen. Forschung muss genau dort ankommen, wo sie gebraucht wird“, bestätigt der Präsident der LBG DI Josef Pröll: „Hier können Fragen aus der Bevölkerung unseren Wissenschaftern helfen. Hierbei gehen wir ganz neue Wege, wie eben auf dem Gebiet der Unfallforschung. In einem anderen Projekt beschäftigen wir uns mit psychischen Erkrankungen, insbesondere Belastungen, denen Kinder in betroffenen Familien ausgesetzt sind und wie man sie am besten unterstützen kann.“

Für die Einbindung Betroffener wurde eine Plattform ins Leben gerufen, bei der sich Interessierte einbringen können. Ziel von „Reden Sie mit“ ist es, relevante Forschungsfragen zu ermitteln. Dabei können und sollen Sie jetzt tatkräftig mitmachen. Entscheiden Sie auf tell-us.online mit, was bei Unfallverletzungen erforscht werden soll! Vielleicht schnelle Wundheilung, Unfälle im Alter oder Unfallursachen?

Im Mittelpunkt steht der Mensch
Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) steht für Forschung, die beim Menschen ankommt. Die Ludwig Boltzmann Institute forschen mit einem klaren Ziel: Im Mittelpunkt stehen Menschen und ihre Bedürfnisse in einer Zeit des rapiden Wandels. Sie sind facettenreich, unkonventionell und offen. Das Ausprobieren neuer Methoden (Open Innovation in Science genannt) wie das systematische Einbinden von Patienten während des gesamten Forschungsprozesses zeichnet diese Einrichtung besonders aus. Ein aktuelles Beispiel ist das Unfallverletzungen-Projekt, das bislang verborgen gebliebenes Wissen auf diesem Gebiet aus dem klinischen Bereich, aber auch aus Sicht der Patienten, in die Forschung bringt.

Behandelt werden unterschiedliche thematische Schwerpunkte, vor allem aus der Medizin, den Natur- aber auch den Geisteswissenschaften. Daraus ergeben sich oft ganz neue Sichtweisen. Die LBG betreibt aktuell 21 Ludwig Boltzmann Institute, entwickelt und erprobt neue Formen der Zusammenarbeit zwischen der Wissenschaft und Unternehmen, dem öffentlichen Sektor und der Zivilgesellschaft. Das macht es möglich, moderne gesellschaftliche Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und aufzugreifen.

Karin Podolak, Kronen Zeitung

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