Mo, 20. August 2018

Arena Open Air

14.07.2018 10:17

Jessie J: Hitlastige Österreich-Premiere

Frauenpower in der Wiener Arena - rund 3000 Fans ließen sich Freitagabend von der britischen Pop-Queen Jessie J in den Bann ziehen. Die Bühne nutzte die 30-Jährige nicht nur für das Zelebrieren ihrer Hits, sondern auch für zeitraubende Monologe. Im Vorprogramm überzeugte die heimische Elektropop-Hoffnung Paenda mit artifiziellem Sound.

Es wäre auch zu schön gewesen. Zu einem großen Duett zwischen Österreichs Song-Contest-Starter Nathan Trent und Hitlieferantin Jessie J kam es in der fast ausverkauften Wiener Arena doch nicht, obwohl die 30-Jährige dem Innsbrucker vor einigen Wochen zu einem ordentlichen Popularitätsschub verhalf. Er klänge wie Michael Bublé und sähe aus wie Calvin Harris, feierte sie ihn in einem Video, doch auch die demütig-bescheidene Dankesreplik brachte ihm schlussendlich kein spontanes Duett ein. Der treuen und hingebungsvollen Fanbase der Künstlerin ist das freilich egal, denn einige Jahre nach ihrem großen Hype, als sie quasi im Zweiwochentakt eine Hit-Single nach der anderen auf den Markt pfefferte, hat sie nun doch ihren Weg nach Österreich gefunden. Im Gepäck ist Platz für einen Sack voller Hits, das neue und extrem persönliche Studioalbum „R.O.S.E.“ und nicht enden wollende Botschaften für Liebe, Gleichberechtigung, Feminismus, Selbstvertrauenssteigerung und Positivismus.

Oida, bitte
Ein Jessie-J-Konzert ist viel mehr als bloße Beschallung. Es spendet Trost und Mut, unterstützt und hilft, stärkt und verbessert. Rund 3.000 ihrer Jünger hängen ihr bereitwillig an den Lippen, wenn sie immer wieder aus ihrem Leben erzählt und sich als „eine von ihnen“ gibt, die sie aufgrund ihrer Popularität dann aber doch nicht ist. Es ist okay, Veganer zu sein und bei spontanen Hungeranfällen einmal auszuscheren. Das größte Geschenk sei, man selbst sein zu können. Ihre angeborene Herzkrankheit habe ihre Sicht auf die Welt verändert und auch sie litt einmal unter Stimmproblemen. Was in dieser Form nach einer explosiven Showeröffnung beginnt, will mit Fortdauer des Konzerts leider nicht mehr enden, sodass die Britin gut die Hälfte ihrer eineinhalbstündigen Spielzeit mit Geschichtenerzählen verbringt. Dass dabei viele Hits auf der Strecke bleiben, versteht sich von selbst und irgendwann quittieren sogar die treuesten Anhänger den Redeschwall mit einem latenten „Oida, Jessie, zah bitte an.“

Und doch gibt es die Momente, die wichtig und richtig sind. Etwa im letzten Konzertviertel, als sie zum Song „Queen“ das Publikum mit ihr die Worte „I love my body, I love my skin, I’m a goddess, I’m a queen“ singen lässt, der neunjährigen Mathilda im Publikum Tipps für ein gutes Leben gibt, sich am Ende bereitwillig in die Fans mischt, um einige von ihnen zu umarmen oder mit einem persönlichen Geburtstagsständchen für Carolina, Izzy und Lina gleich in dreifacher Ausführung für ein Tränenmeer der Freude sorgt. Was Pop-Hohepriester Nick Cave nonverbal schafft, erledigt Jessie J mit vielen Worten. Sie bindet ihre Fans an sich, bietet sich als temporäre Stütze gegen die Widrigkeiten des Alltags und propagiert unerlässlich die Gleichstellung aller Rassen und Geschlechter. Eine Predigerin des Guten. Das Herz am rechten Fleck, die Zunge manchmal aber etwas zu lose.

Frivol und hitlastig
Rein musikalisch gibt es an der Performance nichts auszusetzen. Mit der ersten Single „Do It Like A Dude“ ins Set startend, feuert sie sogleich „Burnin‘ Up“ und „Play“ nach, bevor mit der Erfolgsnummer „Domino“ erstmals alle Dämme brechen und ihre getreuen Anhänger so inbrünstig wie auch neben der Spur mitgrölen. Vor einem riesigen dreidimensionalen Herz räkelt sich die Künstlerin im frivolen Einteiler, fasst sich immer wieder in die Schritt und begibt sich in laszive Posen. Das Set wird dominiert von den unzähligen Krachern des Debütalbums „Who You Are“, die überraschend wenigen neuen Songs fügen sich problemlos ein und besonders eindringlich brilliert die Britin im Akustikteil mit „Flashlight“ und „Thunder“, als auch beim famosen Dolly-Parton-Cover „I Will Always Love You“, wodurch sie aber von ihrem großen Idol Mariah Carey inspiriert wurde.

Auch wenn die Spielfreude von Jessie und ihrer fein aufspielenden Band nicht enden wollend ist - die heimische Bürokratie kennt keine Gnade. Da um 23 Uhr strikt Schluss sein muss mit Open-Air-Beschallung, wird ihr in der Endphase ihres Megahits „Price Bag“ einfach der Saft abgedreht. Jessie, ein kleiner weiblicher Fan und das Publikum beenden den Refrain aber einfach A-Cappella und alle lassen sich von der Woge der Begeisterung in die sommerliche Nacht tragen. „Es wird wohl keine weiteren 30 Jahre mehr dauern, bis ich wieder bei euch bin“, skandierte die Sängerin mitten im Set. Man mag ihr zustimmen - und damit einhergehend das Versprechen abringen, dass sie das nächste Mal vielleicht doch noch drei, vier Songs mehr in die Setlist einbauen möge.

Zeitlos und artifiziell
Einen mehr als passablen Auftritt vor ungewohnt großer Kulisse legte im Vorprogramm die vielversprechende Elektropopperin Paenda aufs Parkett. Die Steierin pflegt ihre Form des Genres sehr artifiziell und angenehm zeitlos zu zelebrieren. Vor allem in der ersten Sethälfte fehlt es zwar eindeutig an der Hymnentauglichkeit, doch mit Fortdauer der Show werden die Songs eindringlicher und die sympathische Unsicherheit weicht einer unschuldigen Form von Freude beim gut eingespielten Bühnentrio. An die breitenformatwirksame Hittauglichkeit einer Jessie J kommt die gebürtige Steirerin nicht heran, doch der Anspruch scheint ohnehin ein anderer zu sein. In den eingängigen Momenten trägt die kraftvolle Stimme über die wabernden Synthies, wenn es trippiger wird lugen auch mal Massive Attack um die Ecke. Das Primavera freut sich schon darauf - oder zumindest der Nightpark im Frequency.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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