Sa, 18. August 2018

Böse Erinnerungen

07.10.2008 12:31

Hickersberger: "Froh, nicht dabei zu sein"

Seit seinem Rücktritt als österreichischer Fußball-Teamchef vor über drei Monaten ist es still geworden um Josef Hickersberger. Der 60-Jährige hielt sich seither mit öffentlichen Aussagen stark zurück und zog sich in eine Beobachter-Rolle zurück. Diese möchte er allerdings schon bald wieder ablegen, ist er doch auf Job-Suche.

Mit der APA sprach der Niederösterreicher nicht nur über mögliche neue Betätigungsfelder, sondern auch über die ÖFB-Auswahl und in diesem Zusammenhang auch über das bevorstehende WM-Qualifikationsduell mit den Färöer-Kickern.

Gegen die Insel-Kicker hatte er vor 18 Jahren in Landskrona seine wohl bitterste Niederlage einstecken müssen und war danach mit dem wenig schmeichelhaften Spitznamen "Färöer-Pepi" bedacht worden.

Mit welchem Gefühl werden Sie beim Spiel gegen die Färöer vor
dem Fernseher sitzen?
Hickersberger: "Es wird sich sicher das Gefühl einstellen, egal wie das Spiel ausgeht, dass ich froh bin, nicht dabei zu sein. Es gibt überhaupt keinen Reiz, sondern eher das Gefühl, dass es mir keine Lust bereitet, an Spiele erinnert zu werden, die vor 18 Jahren stattgefunden haben. Das ist so wie Cordoba. Das eine war halt eine positive Geschichte, aber interessiert auch keinen mehr, und dieses Spiel gegen die Färöer sollte auch keinen mehr interessieren. Für mich ist dieses Thema schon seit Jahren abgeschlossen. Die WM-Quali-Auslosung gegen die Färöer war mit ein Grund, warum ich nicht mehr Teamchef bin."

Aber würde es Sie abseits des Färöer-Spieles nicht doch noch zeitweise reizen, auf der ÖFB-Bank zu sitzen?
Hickersberger: "Ich habe mich noch nie bei dem 'Was-wäre-wenn'-Gedanken erwischt. Ich bin noch immer felsenfest davon überzeugt, dass mein Entschluss, als Teamchef aufzuhören, gut für den ÖFB, die Mannschaft und in erster Linie auch für mich selbst war. Meine Lebensqualität hat sich dadurch eindeutig verbessert, und das ist bei meinem Alter gar nicht so unwesentlich."

Wie haben Sie die Zeit seit Ihrem Abgang verbracht?
Hickersberger: "Ich habe in erster Linie versucht, Abstand zu gewinnen. Ich habe Dinge erledigt, die im letzten halben Jahr liegengeblieben sind und habe mich gut erholt. Aber es ist ja ein offenes Geheimnis, dass ich wieder arbeiten werde, wenn sich eine gute Gelegenheit bietet, und die muss eine Herausforderung darstellen, obwohl es so eine wie eine EM im eigenen Land nicht mehr geben wird. Es muss mir Spaß machen, mit dem neuen Verein, Präsidenten und Spielern zu arbeiten."

Heißt das, Sie wollen wieder in den Klub-Fußball zurückkehren?Hickersberger: "Ich habe keinen Plan, sondern lasse alles auf mich zukommen. Wenn ich mich mit Ghana geeinigt hätte, hätte ich wieder ein Nationalteam übernommen."

Wie beurteilen Sie die Leistungen des österreichischen Nationalteams nach Ihrem Rücktritt?
Hickersberger: "Ich bin kein Urteiler, nur Beobachter. Zu den großartigen Resultaten gegen Italien und Frankreich möchte ich ausdrücklich der Mannschaft und dem Betreuerteam gratulieren, aber die Leistungen in den Spielen müssen andere beurteilen, da bin ich noch immer zu subjektiv."

In der UEFA-Teamchef-Konferenz wurde vom Trend zu mehr Offensivfußball gesprochen. Ist diese Tendenz auch im österreichischen Team sichtbar?
Hickersberger: "Man kann nicht von drei Länderspielen nach der EM auf einen Trend schließen, dazu ist die Zeit für Karel Brückner viel zu kurz gewesen. Er muss erst ausloten, wie viel Risiko die Mannschaft gehen kann, ohne Gefahr zu laufen, ausgekontert zu werden."

Für Marc Janko liegt Ihr Anteil am Sieg gegen Frankreich bei 50 Prozent, laut Roger Spry ist er weit höher. Wie groß schätzen Sie selbst Ihren Beitrag ein?
Hickersberger: "Es ist schön, wenn man in Prozentrechnungen einen Anteil zugesprochen bekommt. Aber ich habe auch Anteil an der Niederlage in Litauen, wenn man es so sieht."

Wenn Sie noch einmal Ihre zweite Amtszeit als Teamchef Revue passieren lassen: Würden Sie rückblickend etwas anders machen? Hickersberger: "Nein, denn die Strategie war richtig. Es war eine Notwendigkeit, die Mannschaft zu verjüngen. Vielleicht waren viele Gegner in den Vorbereitungsspielen für den Standard des Teams manchmal zu schwer, daher haben wir nicht genügend Spiele gewonnen, aber lernen kann man nur von den Besten. Vielleicht hätten wir jedoch hin und wieder einen Gegner einschieben müssen, gegen den wir mit großer Wahrscheinlichkeit gewonnen hätten. Letztlich war der Mangel an Siegen für die Fans unerträglich. Bei der EURO waren die Kaderzusammenstellung und Aufstellungen in den Spielen gut überlegt. Wenn jetzt viele sagen, Janko hätte dabei sein müssen, muss man erwähnen, dass er vor der EM lange verletzt und nicht in der Form war, in der er jetzt ist."

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