Foto: Hannes Maierhofer / Video: sportkrone.at

Gorgon: Rijeka wäre in Österreich Meisterkandidat!

26.04.2017, 16:05

Mehr als 20 Jahre lang war er ein Violetter durch und durch, in guten wie in schlechten Zeiten - als Alexander Gorgon im vergangenen Herbst seine Zelte in Wien abbrach, um nach Kroatien zum HNK Rijeka zu wechseln, überraschte das viele. Doch nun steht dieser laut Kritikern "unbekannte Klub" in der "unattraktiven Liga" auch dank Gorgons 12 Toren und 3 Assists auf Platz 1 in Kroatien, acht Zähler vor Abonnement- Meister Dinamo Zagreb. sportkrone.at verriet der Ex- Austrianer, wie es sich in Kroatien lebt, wie es zu seinem überraschenden Wechsel gekommen war, wie er seine Chancen auf eine ÖFB- Einberufung sieht und was für eine Rolle Rijeka in der österreichischen Bundesliga spielen würde!

sportkrone.at: Dobar dan, dzien dobry, guten Tag! Wie lebt es sich für den Österreicher mit polnischen Wurzeln hier an der schönen Küste Kroatiens?
Alexander Gorgon: Ich kann mich nicht beschweren. Ich glaub‘, der Frühling ist hier wirklich endlich angekommen. Herrliche Temperaturen, viel angenehmer als in Wien zurzeit, was ich so mitbekommen habe. Ja, wir genießen dieses Leben hier am Meer einfach!

Foto: Hannes Maierhofer

sportkrone.at: Das Leben hier in Kroatien ist das eine, der Erfolgslauf des HNK Rijeka, der auch dank deiner 12 Tore und 3 Assists die Liga Kroatiens vor Serienmeister Dinamo Zagreb anführt, das andere: Hättest du auch nur ansatzweise für möglich gehalten, dass die Saison so klasse verlaufen könnte?
Gorgon: Natürlich war das als Wunschgedanke da, das muss ich ganz ehrlich sagen! Aber in den letzten vier Jahren waren wir immer hinter Dinamo. Man hat immer nur den zweiten Platz erreicht, mehr war nicht drinnen - auch wenn die Qualifikation für die Europa League auch sein sehr großer Erfolg war. Aber dass es dann so läuft wie in diesem Jahr, hätte sich im Verein keiner zu träumen gewagt! Deswegen bemerkt man beim Verein und in der Stadt auch eine Euphorie, das macht zusätzlich richtig viel Spaß!

sportkrone.at: Kannst du schon abschätzen, was beim Klub und hier in der Stadt los wäre, wenn man am Saisonende tatsächlich vor Dinamo liegen würde und sich kroatischer Meister nennen dürfte? Dinamo wäre immerhin nach elf gewonnenen Meisterschaften entthront …
Gorgon: Ich glaube, das kann man sich noch gar nicht so wirklich vorstellen - es wäre wirklich etwas Riesengroßes. Ich habe mit ein paar Spielern gesprochen und sie haben gesagt: "Ein Meistertitel mit Rijeka, das ja noch nie Meister geworden ist, das wäre wirklich etwas für die Ewigkeit!" Wenn wir Spieler nach unserer Karriere hierher zurückkommen, wären wir noch immer die Helden. Das hat schon einen besonderen Status. Und ich weiß, dass die Leute hier wirklich sehr fanatisch sind. Ich hab‘ Geschichten darüber gehört, wie es war, als Rijeka den letzten Cup- Titel geholt hat. Als sie dann am Hauptplatz von 10.000 Fans empfangen worden sind. Ich glaube schon, dass es hier einen Ausnahmezustand geben wird.

Foto: Hannes Maierhofer

sportkrone.at: Dinamo Zagreb kennt man als EC- Gegner in Österreich dank einiger Duelle in den vergangenen Jahren ganz gut, erst heuer ist RB Salzburg in der CL- Quali an den Kroaten gescheitert. In welchen Tabellen- Regionen würden sich Klubs wie Dinamo oder auch der wohl noch stärkere HNK Rijeka in Österreich herumtreiben? Wären diese Teams bei uns automatisch Meisterkandidaten?
Gorgon: (zögert kurz) Ja, ich glaube schon! Ich würde die Topklubs Dinamo Zagreb, HNK Rijeka und Hajduk Split auf jeden Fall auch in Österreich ganz weit oben sehen. Ich denke, was die Topvereine in Österreich und Kroatien betrifft, sind wir relativ gleichauf. Wobei: Es kommt darauf an, was für ein Jahr eine Mannschaft wie Rijeka erwischt, ob man wirklich im Stande ist, einen Lauf zu starten und den großen Favoriten zu ärgern. Genauso ist es in Österreich: Wenn es der Austria, Rapid oder Sturm einmal in einem Jahr gelingt, wirklich am Limit zu spielen oder sogar ein bisschen über den Möglichkeiten, dann kann man auch Salzburg fordern. Das hat man ja 2012/2013 gesehen, als die Austria Meister geworden ist. Im Endeffekt würde ich schon sagen, dass die Topvereine relativ gleichauf wären, wenn man sie in eine Liga stecken würde.

sportkrone.at: Wie ist generell das Niveau in der kroatischen Liga? Auch im Hinblick auf das Leistungsfälle von der Spitze bis ganz hinunter, etwa zum Stockletzten Cibalia Vinkovci, bei dem ja im Frühjahr kurzfristig auch Peter Pacult Coach gewesen ist …
Gorgon: Vom Gefühl her glaube ich, dass das Gefälle hier viel größer ist als in Österreich. In Österreich geht’s doch noch ein bisschen ausgeglichener zu. Vor allem, wenn man sieht, was sich ganz unten in der Tabelle tut, wo man auf einmal nicht mehr weiß, wer absteigt - hier ist Cibalia Vinkovci doch weit abgeschlagen. Der größte Unterschied ist die ganze Infrastruktur: Wenn man hier auswärts zu den kleinen Vereinen fährt, dann gibt es schon oft einen kleinen Schock - weil es teilweise an Tribünen fehlt oder die Plätze in einem katastrophalen Zustand sind. Mittlerweile ist das alles in Österreich wirklich top - ich habe auch immer zu schätzen gewusst, was ich in Österreich habe.

Egal, wohin man blickt: Ganz Rijeka setzt lustvoll und standfest auf den HNK, das Trikot beweist's!
Foto: Hannes Maierhofer

sportkrone.at: Wie unterscheidet sich der kroatische Liga- Fußball von dem in Österreich?
Gorgon: Ich glaube, dass in Kroatien ein sehr frischer Fußball gespielt wird - wo es oft hin und her geht, wo dann aber auch die Taktik ein bisschen auf der Strecke bleibt und es auf einmal ein, zwei Reihen gar nicht mehr gibt. Es gibt dann eine Chance nach der anderen. Was die Taktik und die Disziplin betrifft, ist Österreich doch noch weiter. Aber hier siehst du in den einzelnen Vereinen, sogar in den kleinen, wirklich ein, zwei, drei Ausnahmetalente. Man sagt ja nicht umsonst, dass die Spieler vom Balkan technisch wirklich sehr versiert sind, und dass sie einen sehr gepflegten Fußball spielen. Da sieht man, dass der Ball am Fuß pickt.

sportkrone.at: In Österreich gab es die eine oder andere in die Höhe gezogene Augenbraue, als dein Wechsel nach Kroatien bekannt geworden ist. Man hatte dir durchaus eine bessere Liga zugetraut als die kroatische. Mancher meinte, du hättest dich bei der Klubsuche "verpokert", Rijeka könne nicht dein Plan A gewesen sein …
Gorgon: Nüchtern betrachtet war es natürlich nicht mein Plan oder mein erster Wunsch, nach Kroatien zu gehen. Bei allem Respekt für die kroatische Liga. Es sind einfach viele Sachen schiefgelaufen und ich habe mich auf die falschen Leute verlassen. Trotzdem muss ich sagen: In der Situation, in der ich mich befunden habe, ist es für mich die perfekte Lösung gewesen - und wer weiß, wozu dieser Zwischenschritt gut war. Vielleicht gelingt mir jetzt nach dieser Station etwas Größeres. Aber wie schon gesagt: Im Nachhinein bin ich mit dem, was ich hier erreicht habe und was ich am HNK Rijeka habe, wirklich sehr glücklich.

Es gibt zweifellos hässlichere Flecken auf dem Erdenrund als dieses Rijeka...
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sportkrone.at: Du giltst ja gemeinhin als Familienmensch: Was für eine Rolle hat deine Familie bei der Entscheidung pro Rijeka gespielt?
Gorgon: (lacht) Nein, nein, der Patron bin ich nicht! Auf keinen Fall! Es hat immer wieder Familienmeetings gegeben, bei denen wir uns ausgetauscht haben. Jeder hat seine Ideen reingebracht, was Sinn macht, was keinen Sinn macht. Natürlich war es dann ein bisschen spät, weil die ganze Entscheidung mit Rijeka ist erst Anfang August gefallen. Wobei: Hier hat es ja keine Bedenken gegeben, weil wir wussten, was das für eine Stadt ist. Sehr familienfreundlich und das Leben am Meer ist, glaube ich, nirgendwo schlecht! (lächelt). Ich habe mich noch ein bisschen mit dem Marin Leovac ausgetauscht, der nach der Austria auch hierher gewechselt ist, und wir haben dann alle gesagt: Okay, es ist jetzt an der Zeit, sich für etwas zu entscheiden - und so ist es Rijeka geworden.

sportkrone.at: Hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben? Jetzt mit ein paar Monaten Abstand kannst du es uns ja vielleicht doch verraten …
Gorgon: Es hat schon Angebote gegeben, aber es waren jetzt keine dabei, wo ich gesagt hätte, ich verlasse für so etwas die Austria nach 20 Jahren! Zum Beispiel ein Verein aus der zweiten deutschen Liga, der jetzt gegen den Abstieg spielt, da hatte ich einfach kein gutes Gefühl - und es hat sich im Endeffekt auch bewahrheitet. Es hat auch etwas sehr Lukratives aus Saudi Arabien gegeben, wo ich und meine Kinder wahrscheinlich für den Rest des Lebens ausgesorgt hätten. Aber ich habe einfach gesagt: Das ist es mir nicht wert! Auch wenn es vielleicht nur für ein Jahr oder für zwei Jahre gewesen wäre, das bin nicht ich. Ich habe mich dagegen entschieden und ich bin auch wirklich sehr stolz darauf. Wir sind hier alle sehr glücklich in Rijeka - und vielleicht geht die Reise noch weiter.

sportkrone.at: Stichwort "Abstand": Du hast mehr als 20 Jahre bei der Wiener Austria verbracht - vermisst du deine Violetten inzwischen schon?
Gorgon: "Vermissen" ist das falsche Wort, aber ich erinnere mich sehr gerne daran, was ich mit der Austria erlebt habe - und ich verfolge noch immer fast alle Spiele. Wenn es mir möglich ist, finde ich schon irgendwelche Livestreams im Internet. Von dem her kann man schon sagen, dass ich noch immer mit der Austria sehr verbunden bin. Vor allem habe ich noch immer Kontakt mit einigen Spielern, mit Therapeuten mit Verantwortlichen vom Verein und ich habe schon einmal gesagt: Es wäre mein Ziel, dass ich die Karriere bei der Austria beende. So viele Jahre bei einem Verein kann man nicht vergessen machen!

sportkrone.at: Der Gewinn der Meisterschaft mit der Austria ist vor inzwischen vier Jahren eine große Überraschung gewesen - der Titel mit Rijeka wäre wohl eine mindestens genauso große Sensation. Fühlst du dich gerade an die Saison 2012/13 erinnert?
Gorgon: Eigentlich schon, ja! Vor allem, weil es sehr viele Parallelen gibt. So wie damals bei der Austria, hat man sich hier sehr lange bedeckt gehalten. Man wollte bis nach der Winterpause nie so wirklich über den Titel sprechen. Ich kann mich noch erinnern, das erste Mal war es kurz nach der Winterpause, als Peter Stöger bei "Sport am Sonntag" offiziell verlauten hat lassen: "Ja, wir wollen Meister werden. Wir spielen um den Titel!" Das war hier eigentlich genauso - als man gesehen hat, dass man im Frühjahr mit drei, vier Siegen in Folge wieder an die Leistungen vom Herbst anschließen konnte, hat man hier auch gesagt: "Okay, dann spielen wir dieses Jahr um den Meistertitel!"

sportkrone.at: Kommen wir zu einem kleinen Makel in deinem Fußballer- Leben - einem Makel, für den du selber womöglich am wenigsten kannst: deine null Länderspiele. Glaubst du noch daran, jemals den Teamdress überstreifen zu dürfen? Immerhin bist du schon 28 Jahre alt, jünger werden wir alle nicht …
Gorgon: Ich lasse mich gerne überraschen! Es ist aber jetzt nicht so, dass das Nationalteam die ganze Zeit in meinem Kopf ist - oder dass ich mich nur damit beschäftige oder mich unter Druck setzte. Wenn es irgendwann einmal so sein soll, dann wäre es für mich eine Ehre! Ich würde mich sehr freuen. Aber darüber entscheiden andere. Es ist natürlich nicht einfach, dass man als Spieler der kroatischen Liga ins Team rutscht, weil man dort doch sehr viele gute Spieler aus Top- Ligen hat. Deswegen lasse ich mich überraschen, es ist nie zu spät für so etwas!

Hannes Maierhofer (in Rijeka)

Redaktion
krone Sport
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