Mo, 23. Oktober 2017

Grazer Amokfahrt

20.06.2017 09:16

Opfer leiden noch immer

Sie hat sich tief ins kollektive Bewusstsein der Grazer, ja aller Steirer eingegraben: die fürchterliche Amokfahrt, die sich heute zum zweiten Mal jährt. An jenem sonnigen 20. Juni 2015 raste Alen R. mit seinem Geländewagen durch die Stadt, tötete drei Menschen, verletzte Dutzende. Viele Opfer leiden noch immer.

Es sind Bilder, die man nie vergisst: In ihrem Blut liegende Menschen, Blaulicht, Folgetonhorn, Schmerzensschreie. Dieser Samstag im Juni 2015 hat Graz verändert. Während das Gericht einen Schlussstrich unter die Tragödie gezogen hat, leiden viele Opfer noch immer. Sie kämpfen mit den Folgen ihrer schweren Verletzungen, haben Schlafstörungen, trauern um Angehörige.

"Dieses dramatische Ereignis ist einfach nicht vergessen", sagt Edwin Benko, Leiter des Kriseninterventionsteams Steiermark, der mit seinen Helfern in den Tagen nach der Amokfahrt mehr als 1700 Betroffene psychologisch unterstützt hat. "Bei der Verhandlung gegen den Amoklenker ist natürlich alles wieder hochgekommen, und auch am zweiten Jahrestag sind sofort alle Erinnerungen da. Das darf auch so sein, diese tiefe Trauer sollte dann allerdings wieder abebben."

Immerhin gebe es nach wie vor "eine beträchtliche Anzahl von Menschen", die das Geschehene nicht verarbeiten konnten: "Ich kenne einige, die nach wie vor die Innenstadt meiden und psychologische Hilfe in Anspruch nehmen", weiß Benko, der selbst noch Kontakt zu zahlreichen Steirern hält.

Für andere wiederum sei die Verkündung des Urteils - Alen R. fasste wegen dreifachen Mordes und 108-fachen Mordversuchs lebenslang aus - ein geeigneter Zeitpunkt gewesen, um endlich abschließen zu können: "Es hat darauf viele positive Reaktionen gegeben", erzählt der Grazer Psychotherapeut. Das Drama sei zwar nicht rückgängig zu machen, "dass der Amokfahrer allerdings bestraft wurde, war für viele ein wichtiger Puzzlestein, um das Geschehene besser in ihr Leben integrieren zu können".

Soziale Hilfe ist wichtig

Denjenigen, denen das bis dato noch nicht gelungen ist, rät der Experte, sich therapeutisch betreuen zu lassen. Wichtig sei aber auch "soziale Hilfe": "Kollegen, Nachbarn und Freunde sollten nicht sagen, das ist zwei Jahre her, jetzt muss einmal Ruhe sein. Betroffene wollen ernst genommen werden, sich verstanden wissen!"

Gerald Schwaiger
Gerald Schwaiger
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