"Islamische Utopie"

IS ködert zunehmend junge Frauen aus dem Westen

Ausland
12.03.2015 19:19
Die Terrormiliz Islamischer Staat schockiert die Welt mit Bildern von Folter und Enthauptungen. Sympathisanten im Westen hingegen lockt die Terrorgruppe mit dem Versprechen von Arbeit, Liebe und Abenteuer. "Der IS verkauft eine islamische Utopie an junge Männer und Frauen", sagt Lina Khatib, die Leiterin des Nahost-Zentrums der Carnegie-Stiftung in Beirut. Vor allem weibliche Anhänger der Dschihadisten werden in letzter Zeit verstärkt rekrutiert.

"Ihnen wird vorgegaukelt, dass sie im einzigen islamischen Staat der Welt eine wichtige Rolle spielen könnten", so Khatib. Die Werbestrategie des IS scheint aufzugehen. Experten gehen davon aus, dass sich rund 3.000 Menschen aus dem Westen den Islamisten in Syrien und im Irak angeschlossen haben, unter ihnen etwa 550 Frauen. Das vom IS kontrollierte "Kalifat" umfasst inzwischen ein Gebiet, das doppelt so groß ist wie Jordanien und in dem sechs Millionen Menschen leben. Anfangs zielte die Propaganda nur auf Männer ab, inzwischen versucht der IS zunehmend auch westliche Frauen für ein Leben im "Kalifat" zu begeistern.

Jüngstes Beispiel sind drei 15 und 16 Jahre alte Mädchen aus London, die im Februar von zu Hause ausrissen, in die Türkei flogen und von dort aus vermutlich weiter nach Syrien zogen. Eine der Jugendlichen soll Kontakt zu Aqsa Mahmood gehabt haben. Mahmood, eine Frau aus dem schottischen Glasgow, reiste vergangenes Jahr nach Syrien, um dort einen IS-Kämpfer zu heiraten. Mahmoods englischsprachiger Blog "Diary of a Muhajirah" ("Tagebuch einer Reisenden") gilt als eines der wichtigsten auf Frauen abzielenden Propagandainstrumente des Islamischen Staates.

(Bild: APA/LONDON METROPLITAN POLICE/HANDOUT)
Die Wiener „Dschihad-Mädchen“ Sabina S. (li.) und Samra K. (re.). Ob Sabina noch lebt, ist ungewiss. Samra soll bei einem Fluchtversuch in Syrien getötet worden sein. (Bild: Interpol)
Die Wiener „Dschihad-Mädchen“ Sabina S. (li.) und Samra K. (re.). Ob Sabina noch lebt, ist ungewiss. Samra soll bei einem Fluchtversuch in Syrien getötet worden sein.

"Keine Miete, Lebensmittel umsonst"
"Wir müssen keine Miete zahlen, wir bekommen die Häuser umsonst", schwärmte Mahmood kürzlich in ihrem Blog über die angeblich paradiesischen Zustände im Gebiet der Islamisten. "Auch Strom- und Wasserrechnungen müssen wir nicht bezahlen. Jeden Monat bekommen wir Lebensmittel: Nudeln, Konserven, Reis, Eier."

Auch Arbeit gebe es. Frauen könnten im Bildungs- und Gesundheitsbereich arbeiten, schreibt die Bloggerin, und berichtet weiter vom Heiraten im "Kalifat": Jedes Paar bekomme zur Hochzeit 700 Dollar geschenkt, der Bräutigam werde zudem für sieben Tage vom Kampf freigestellt. Ihre Mitgift könnten sich die Bräute selbst aussuchen - die meisten entschieden sich für Kalaschnikows statt Schmuck. "Bis dass der Märtyrertod uns scheidet", steht unter einem Foto im Blog, das einen bärtigen Kämpfer mit seiner weiß verschleierten Braut zeigt.

"Suche nach dem Abenteuer"
"Diese Mädchen sind auf der Suche nach dem Abenteuer", sagt Hassan Hassan, Autor eines Buches über Frauen, die in den Dschihad ziehen. "Manche leben in einer Fantasiewelt und träumen davon, einen Kämpfer zu heiraten."

Auch die in mehreren Sprachen erscheinende Zeitschrift des IS, "Dabiq", versucht Muslime mit Versprechungen von einem einfachen und guten Leben zu ködern. "Es gibt viele Häuser und die nötigen finanziellen Mittel für dich und deine Familie", heißt es darin. Der Islamische Staat brauche vor allem "Richter, Menschen mit militärischen oder verwaltungstechnischen Kenntnissen, Ärzte und Ingenieure", lautet eine Stellenanzeige in der Zeitschrift.

Unterdrückung statt Utopia
Für jene Männer und Frauen, die diesen Versprechungen folgen, gibt es meist kein Zurück. Mehr als 120 Menschen wurden nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zwischen Oktober und Dezember 2014 getötet, weil sie versuchten, das IS-Territorium zu verlassen.

"Ich habe mit zwei jungen Männern gesprochen, die es raus geschafft haben", sagt die Wissenschaftlerin Khatib. "Sie fühlten sich betrogen." Statt in einem islamischen Utopia hätten sie sich in einem Regime der Unterdrückung und der Denkverbote wiedergefunden.

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