So, 19. August 2018

Nach Amok-Übung

05.03.2012 08:50

Gerichts-Chef: "Hätte das nie zulassen dürfen"

Tagelang hat Bezirksgerichtschef Werner Radl zu den Vorwürfen rund um die verpatzte Amoklauf-Übung an "seinem" Gericht in Klagenfurt geschwiegen - jetzt gibt er zu, was schief gelaufen ist und was nie mehr passieren darf: "Dass Mitarbeiter als Versuchskaninchen missbraucht wurden. Ich hätte das nie zulassen dürfen!" Einem Mitverantwortlichen droht die Suspendierung.

"Krone": Tränen, Schüsse, Blut, Menschen, die sich von ihren Lieben telefonisch verabschieden – wie kann es passieren, dass eine Übung so außer Kontrolle gerät?
Werner Radl: Das ist Gegenstand von Untersuchungen. Ich darf zu den Abläufen leider nichts Näheres sagen, auch wenn ich es gern täte, und kann nur klarlegen: Die Organisation des Einsatzes lag in anderen Händen, die Polizei hat die Übung durchgeführt.

"Krone": Die Polizei putzt sich auch ab, meint, Sie hätten eine realitätsnahe Übung bestellt.
Radl: Um Himmels Willen, hätte ich dieses Drehbuch gekannt, hätte ich das doch nie und nimmer zugelassen! Dass Menschen in Panik, in Todesangst versetzt werden, als Versuchskaninchen missbraucht – das alles tut mir so entsetzlich Leid.

"Krone": Also wollen Sie nun auch nicht daran schuld sein?
Radl: Ich übernehme die Verantwortung. Disziplinarrechtlich, strafrechtlich, moralisch, was Sie wollen. Aber ich wusste nicht, was da geplant war. Das war mein Fehler, dass ich die Organisation nicht hinterfragt habe. Mir wurde gesagt, es soll keiner etwas erfahren, damit die Übung Sinn macht.

"Krone": Direkt zuständig war der Sicherheitsbeauftragte?
Radl: Ja.

"Krone": Gibt es ihn nach diesem Wahnsinn noch?
Radl: Darüber wird geredet.

"Krone": Also wird er suspendiert?
Radl: Eine Suspendierung wird diese Woche erörtert.

"Krone": Sie sollen während des gespielten Amoklaufs seelenruhig im Büro gesessen sein.
Radl: Weil ich im 7. Stock sitze und durch diese Bauart hier keine Details aus dem 1. Stock mitbekommen habe. Auch keine Schüsse.

"Krone": Und niemand rief Sie an?
Radl: Niemand. Hätte mir nur jemand vorher gesagt, wie das alles ausartet, dass Mitarbeiter Todesangst haben!

"Krone": Das Ganze soll fast eine Stunde gedauert haben.
Radl: Die Übung begann um 12.37 Uhr und wurde um 13.04 Uhr abgebrochen.

"Krone": Von der Polizei?
Radl: Ja. Als endlich klar wurde, wie panisch viele Personen werden.

"Krone": Wie geht's nun weiter?
Radl: Alles muss auf den Tisch. Was lief wie, wann schief, welche Durchsagen hat es gegeben oder nicht, wer hat sich was dabei gedacht.

"Krone": Es heißt, es waren 40 Leute im Haus - aber kein Besucher. Sehr unwahrscheinlich.
Radl: Die Übung war extra auf Mittag gelegt, wo kaum Parteienverkehr herrscht. Aber auch das muss untersucht werden, wie das sein konnte, Sie haben Recht.

"Krone": Wie geht's Ihrem Team?
Radl: Es gab einige Krankenstände - aber gemeinsam werden wir es schaffen. Es wird psychologische Betreuung angeboten - ich selber rede mit jedem, entschuldige mich, auch bei ihren Familien. Einige habe ich an mich gedrückt, das hat gut getan.

"Krone": Es kursiert bereits eine Unterschriftenliste, in der Mitarbeiter Sie verteidigen.
Radl: Das ist das Schönste für mich: Mehr als 90 Prozent der Belegschaft haben erklärt, dass sie hinter mir stehen.

"Krone": Wie schaut's mit der Unterstützung durch das Oberlandesgericht Graz aus? Es wirkt, als würde man Sie allein im Regen stehen lassen.
Radl: Da wird einiges aufzuarbeiten sein - ich fühle mich aber nicht im Stich gelassen.

"Krone": Sie sollen die Leute zum Skiausflug geschickt haben, als OLG-Chef Manfred Scaria kam.
Radl: Das war ein Skitag des gesamten Gerichtssprengels. Und der Präsident hat vorher extra gemeint, ich soll die Leute ermutigen, zum Skitag zu fahren, er wolle sowieso auch dorthin.

"Krone": Die Gewerkschaft bietet den Betroffenen Rechtshilfe an. Rechnen Sie mit Schadenersatzforderungen?
Radl: Auszuschließen ist nichts, aber bisher habe ich davon nichts gehört.

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