Kasper im Interview

Klimaschutz ernst nehmen, heißt Abstriche machen

Vorarlberg
08.02.2022 09:55

Schluss mit neuen Bahnen und noch größeren Skigebieten. Nadine Kasper, Tourismussprecherin der Grünen, wünscht sich mehr Regionalität und Bio, aber auch mehr ökologische und soziale Komponenten.

Krone: Wer oder was hat denn Ihren Regierungspartner dazu bewogen, Heliskiing weiter zu gestatten?

Kasper: Das müssen Sie den Landeshauptmann fragen. Für mich ist es nach wie vor nicht nachvollziehbar, dass er sich nicht einmal die Bedenken der Umwelt- und Naturschutzorganisationen angehört hat, aber am darauffolgenden Tag von einem Klimaforum spricht. Das führt die Nachhaltigkeitsdebatte ad absurdum.

Gab es keine Begründung gegenüber Ihrer Partei?

Bei der Entscheidung handelt es sich um einen Beschluss, den der Landeshauptmann alleine fasst. Innerhalb der Regierung ist darüber zwar gesprochen, aber nicht abgestimmt worden. Das Problem ist nun, dass rechtliche Schritte eher schwierig werden. Es handelt sich um das Bundesluftverkehrsrecht und dort können nicht einmal die Naturschutzorganisationen Einspruch einheben.

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Diese Diskussion ist so absurd wie jene, ob Atomkraftwerke nachhaltig sind. Ich glaube, da hat jemand nicht verstanden, um was es bei Klimaschutz und Nachhaltigkeit geht. Und die Relevanz des Themas ebenfalls nicht.

Nadine Kasper

Die Betreiber sollen ein Konzept entwickeln, wie Heliskiing mit Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen ist. Wie funktioniert das?

Diese Diskussion ist so absurd wie jene, ob Atomkraftwerke nachhaltig sind. Ich glaube, da hat jemand nicht verstanden, um was es bei Klimaschutz und Nachhaltigkeit geht. Und die Relevanz des Themas ebenfalls nicht.

In der noch geltenden Tourismusstrategie 2020 aus dem Jahr 2012 ging es unter anderem darum, landwirtschaftliche Betriebe einzubinden. Wie gut läuft das?

Es gibt einige Vorzeigebetriebe, die sehr bemüht sind, regionale Produkte anzubieten. Unterm Strich ist aber noch sehr viel Luft nach oben. So steht in manchen Lokalen beispielsweise Wiener Schnitzel aus den Niederlanden auf der Speisekarte, nur weil dieses Fleisch weißer ist.

Würden Touristen anderes Fleisch akzeptieren?

Mit Sicherheit. Es gibt immer mehr Gäste, die wissen, dass Bio-Schweinefleisch und Bio-Kalbfleisch eben nicht schneeweiß ist. Sie wünschen sich sogar regionale Produkte.

Im Moment wird an der Tourismusmusstrategie 2030 gearbeitet. Was ist für Sie unverzichtbar?

Neben einem klaren Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und Regionalität wünsche ich mir auch ein Bekenntnis zu mehr Bio. Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur ökologische Komponenten, sondern auch soziale. Deshalb sollten auch Arbeitsbedingungen unter die Lupe genommen werden. Meine Vision wäre es, eine Modellregion „Alternative Arbeitszeiten im Tourismus“ zu starten.

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Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur ökologische Komponenten, sondern auch soziale. Deshalb sollten auch Arbeitsbedingungen unter die Lupe genommen werden.

Nadine Kasper

Wie könnte diese Modellregion aussehen?

Die grundsätzliche Frage ist, wie es gelingen kann, Arbeitskräfte, die bereits vor der Pandemie verloren gegangen sind, zurückzugewinnen. Das könnte durch alternative Arbeitszeitmodelle oder bessere Kinderbetreuung erreicht werden.

In Ihrer Partei wird oft von nachhaltiger Anreise gesprochen. Wie sehen die Ideen dazu aus?

Junge Menschen aus urbanen Räumen haben oft gar kein Auto mehr. Wenn sie nicht mit den Öffis anreisen können, kommen sie nicht. Das Öffi-Netz ist sehr gut ausgebaut. Ein Problem sind die letzten Kilometer vor Ort und die Mobilität rund um die Unterkunft. Aber es gibt gute Ansätze: Im Silbertal etwa wurde ein Carsharing-Modell für Gäste ins Leben gerufen. Im Oberland können sie gratis mit Bus und Bahn fahren. Das sollten wir auf ganz Vorarlberg umlegen.

Wie sieht es mit der Anreise von Skitouristen aus? Niemand wird Ski und Schuhe im Zug mitschleppen wollen.

Es gibt ja auch die Möglichkeit, sich Ski und Schuhe vor Ort auszuleihen. Und eines muss man klar sagen: Wer Klimaschutz ernst nimmt, wird Abstriche machen müssen. Es gibt nicht nur Komfort-Lösungen.

Wie sieht es mit der notwendigen Infrastruktur im Wintertourismus aus?

Da muss man so ehrlich sein und sagen: Ohne Beschneiung wird es keine Winter wie damals geben. Aber sich hinstellen und zu behaupten, dass Beschneiung nachhaltig sei, nur teils Ökostrom dafür verwendet wird, ist ebenfalls Blödsinn. Unterm Strich ist es höchste Zeit, sich zu überlegen, wie nachhaltiger Tourismus aussehen kann. Wenn die Winteridylle nicht mehr verkauft werden kann, weil Talabfahrten nicht mehr möglich sind, braucht es Lösungen.

Welche Lösungen etwa?

Wir müssen mehr auf Ganzjahrestourismus setzen. Zum Tourismus zählen auch Landwirtschaft, die Bevölkerung vor Ort und kleinstrukturierte Familienbetriebe. Durch sie ist der Tourismus groß geworden. Inzwischen aber haben wir viele Investorenprojekte und Bettenburgen. Gerade wird wieder eine solche mit 400 Betten in St. Gallenkirch errichtet. Das ist nicht gut.

Wie sieht ein perfektes, nachhaltiges Skigebiet aus?

Dort wird die Anreise durch Öffis unterstützt, Plastik vermieden, Wert auf CO2-Reduktion gelegt und regionale und biologische Nahrungsmittel angeboten. Allerdings müssen die Skigebiete nicht immer noch größer werden und noch mehr Liftanlagen haben. Ich kann nicht alles verbauen.

Gibt es Voraussetzungen, die einen Liftbau rechtfertigen würden?

Vorarlberg hat die höchste Dichte an Skiliften in Europa. Ich glaube, das ist genug. Man kann gerne modernisieren, aber nicht mehr. Sonst ist vor lauter Liften die Natur nicht mehr zu sehen. Außerdem ist Tourismus mehr als Sessellifte und Seilbahnen. Wir haben Naturerlebnisse oder Kultur zu bieten, sind eine Genussregion. Der Tourismus wird nicht untergehen, nur weil es keine neuen Bergbahnen mehr gibt.

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