06.02.2022 12:00 |

Steiermark History

Sogar Knechte lachten über den Herrn Pfarrer

Freche Gstanzln sorgten in der Steiermark des 19. Jahrhunderts für Schenkelklopfer: Auf Kirtagen und Tanzveranstaltungen gerieten besonders gerne Hochwürden und seine Köchin ins Visier der Sänger.

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„I hob an Buam kennt, der hat ka Madl gliabt. In Himmel is er kemma, oba Schläg hat er kriagt!"


Vor 200 Jahren konnte ein Großteil der steirischen Bevölkerung weder lesen noch schreiben. Deshalb sind von einfachen Knechten und Mägden, Dienern und Landarbeiterinnen selten Briefe oder gar Tagebücher erhalten. Die meist einzigen schriftlichen Dokumente, die wir von ihnen kennen, sind Volkslieder.

Erzherzog Johann ging nicht nur als Modernisierer in die weiß-grüne Geschichte ein, sondern auch als großer Freund der Steirer, ihrer Traditionen und des Brauchtums. Die Volksverbundenheit des Habsburgers zeigte sich in engen Kontakten zu den Menschen und seinem Interesse an den Bewohnern des Landes. Auf Anregung des „steirischen Prinzen“ begann man deshalb auch hierzulande, die gesungenen Texte abzuschreiben und so für die Nachwelt zu erhalten.

Gesungen wurde beim Tanz oder in der Spinnstube
„Einige Sammler zeichneten praktisch alle Lieder auf, die an einem Ort zum Besten gegeben wurden - vor allem beim Tanzen im Gasthaus oder bei der Arbeit in der Spinnstube“, erklärt Kulturwissenschafter Hans-Peter Weingand. Der Grazer hat Tausende dieser lustigen und teils deftigen Gstanzln, die vor dem Jahr 1850 für Schenkelklopfer und Gelächter in den Wirtshäusern, auf Festen und Kirtagen sorgten, nun genauer unter die Lupe genommen.

„Gut ein Drittel thematisieren sexuelle Inhalte. Dabei ging es vor allem in den ,Schnaderhüpfel’ genannten kurzen Liedchen es ziemlich frech zu“, berichtet Weingand in seinem jüngst erschienenen Buch „Sexualität und Öffentlichkeit im frühen 19. Jahrhundert“.

Hochwürden und seine Köchin als beliebtes Motiv
Die Lieder unterhalten noch heute durch das Spiel mit Zweideutigkeiten, die sich jedoch ganz schnell zu eindeutigen Aussagen hinwenden können. „Die Botschaften sind klar: In der Ehe ist absolute Treue ein Muss, bei Junggesellen hingegen ist Sexualität völlig in Ordnung. Und immer wenn Geistliche auftreten, ernten sie herben Spott“, analysiert der Autor schmunzelnd.

Im frühen 19. Jahrhundert am liebsten verlacht werden der Pfarrer und seine Köchin, darüber hinaus sorgen der strenge Bauer und die geizige Bäuerin für beißenden Spott und Häme.

Dabei stimmten die frivolen Vierzeiler nicht nur die Steirerbuam an, auch die Mädchen sangen mit größtem Vergnügen doppeldeutige Lieder: „Diandl, sei gscheit, nimm den Buam, der dich gfreit. Loss den einen, den klan, an der Saustalltür lahn!“ Vorehelicher Spaß mit der jungen Männerwelt wurde ihnen also durchaus zugestanden.

Die Nachbarsburschen aufs Korn genommen
Besonders beliebt vor allem bei lustigen Tanzveranstaltungen: Spottlieder, die man zum Gaudium des Publikums wechselseitig vorsang. Vielfach wurden die Burschen oder Mädchen des Nachbarorts aufs Korn genommen - à la: „Die Voitsberger Buama, de sant nit zan liab’n“

„Wissenschaftlich interessieren mich die ,kleinen Leute’ . Durch die Auswertung der zwei Jahrhunderte alten Volkslieder bekommen sie wieder eine Stimme“, sagt Hans-Peter Weingand.

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