12.01.2022 14:28 |

Pommers Feierabend

Ein Mann will wieder in den Spiegel schauen

Einen schönen Mittwochabend.

Kennen Sie Wolfgang Kieslich? Es ist keine Schande, ihn nicht zu kennen - es ist auch keine, ihn gekannt, aber wieder vergessen zu haben, so wie es mir ergangen ist. Bei manchen Menschen ist es so, als hätte sie eine höhere Macht aus der Zeitlinie gelöscht. Tauchen sie wieder auf, ist man verblüfft. Den gibt es ja auch, sagt man dann, oder aber, wenn das Erstaunen wirklich kaum fassbar ist: Der lebt ja auch noch. Also Wolfgang Kieslich lebt, und er ist ein Mann, der von der Vergangenheit zehrt: Er WAR bis Dezember Bezirkschef in Simmering, er WAR im Büro von Ex-Staatssekretär Magnus Brunner, und er WAR bei der ÖVP, bis es ihn nun zur FPÖ verschlagen hat. Seine Enttäuschung ist nachvollziehbar. Bei den Türkisen darf ja offenbar jeder für ein paar Tage Bundeskanzler sein, nur er nicht. Das macht auf Dauer mieselsüchtig.

Kieslich wechselt also zur FPÖ. Der offizielle Grund: Er will wieder in den Spiegel schauen können. Diesen Wunsch habe ich mit 30 abgelegt. Jedenfalls sah Kieslich, wenn er denn in den Spiegel schaute, einen unglücklichen Mann, der mit der Corona-Politik seiner Partei nicht mehr leben konnte. Es ist wahrlich nicht mehr alles nachvollziehbar, was die Bundesregierung unter ÖVP-Kanzlerschaft vorgibt. Türkis-Grün hebt die Quarantäneregeln für alle Österreicher in K1-Situationen auf - Vizekanzler, Gesundheitsminister & Co. gehen trotzdem in Selbstisolation. Und so schafft die Regierung ein eigenes Regelwerk für sich selbst: Der Bauarbeiter, der Lehrer, die Busfahrerin, die Firmenchefin, sie alle sollen brav in ihr Bergwerk wackeln, aber die da oben bleiben daheim. Noch deutlicher kann man den Menschen kaum den Mittelfinger zeigen.

Wie es einen Enttäuschten aber in die Partei von Herbert Kickl ziehen kann, wird ein Rätsel bleiben. Dr. Ivermectin ist der Mini-Me der österreichischen Innenpolitik. Seine medizinischen Tipps sind gefährlich, immer noch hält er an einem Medikament fest, vor dem sogar der Hersteller in diesem Zusammenhang warnt. In der eigenen Partei gibt es immer mehr unzufriedene Stimmen über den Corona-Kurs des Ober-Blauen, und in den nächsten Wochen und Monaten werden sie lauter werden.

Doch der blaue Coup und „einer der entscheidendsten Tage meines Lebens“ (Kieslich) wurden rasch von einer weitaus größeren Personalie überschattet: Ex-Finanzminister Gernot Blümel wird CEO von Christian Bahas Investment-Gruppe Superfund, mit gigantischem Gehalt. So ist das in der Politik, in Österreich fällt man entgegen allen physikalischen Gesetzen immer nach oben. Kaum drohte Kieslichs Wechsel medial unterzugehen, ist es schon passiert. FPÖ-Wien-Chef Dominik Nepp postete: „Über 25 Jahre war Wolfgang Kiesling Mitglied der ÖVP.“ Dabei heißt er doch Wolfgang Kieslich. So ist das mit Menschen, die man kennt und wieder vergisst. Oft passiert beides noch am selben Tag.

Ich wünsche einen schönen Feierabend, so Sie einen haben.

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