Kunstpfeif-Profi

Wiener pfeift sich musikalisch in die Weltelite

Das Kunstpfeifen hat in Österreich eine reichhaltige Tradition und Geschichte. Der Wiener Sirus Madjderey trägt diese besondere Form der Musik in die Gegenwart und zählt sich in diesem Bereich zur Weltelite. Ein Blick zwischen die Lippen eines Ausnahmekönners.

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Man muss nicht zwingend auf die Vernunft pfeifen, um sich breitenwirksam ausdrücken zu können. Niemand weiß das besser als der Wiener Sirus Madjderey, der vor knapp sieben Jahren die Technik des Kunstpfeifens erlernte und damit internationale Wellen schlug. Der zündende Funke zu dieser ungewöhnlichen Karriere führte über die Wirtschaft. Madjderey war damals Start-Up-Gründer und in einem fordernden Studium eingespannt. Seine Leidenschaft galt der Geige, aber dafür war beim straffen Alltagsprogramm immer weniger Zeit. „Ich bin dann im Internet auf einen Kunstpfeifer gestoßen und war begeistert“, erklärt er uns im Gespräch, „die Leidenschaft dafür hat mich sofort gepackt.“ Die wichtigsten Vorteile des Kunstpfeifens liegen auf der Hand: man braucht kein Instrument mit sich tragen und kann überall sofort loslegen.

Pandemie stoppte Karriereverlauf
Der Favoritner übt täglich und konsequent an die drei Stunden und brachte es in den wenigen Jahren einer Profession schon zu beachtlichem Ruhm. Bei der Kunstpfeif-WM in Tokio 2018 brachte er es als einziger Österreicher in der Vorentscheidung auf Platz drei. Im Wiener Stephansdom pfiff er Leonard Cohens Kultsong „Halleluja“ ein und verpasste damit den WM-Finaleinzug 2020 nur knapp. Zudem landete er im Castingpool des Cirque du Soleil, aber die Pandemie hat alle großen Pläne verworfen. Madjderey meint, es wäre möglich, mit Kunstpfeiferei den Lebensunterhalt zu bestreiten, nicht aber unter den gegebenen Umständen. „Momentan könnte ich damit meine halben Fixkosten abdecken. Wenn wieder Auftritte möglich sind, dann könnte es sich ausgehen.“

Das Kunstpfeifen an sich hat in Österreich Tradition und reicht bis in die 1880er-Jahre zurück. Dort begeisterte Johann Tranquillini aka Baron Jean mit den Schrammel-Brüdern Josef und Johann sogar Kronprinz Rudolf mit seinem Pfeifen, das an Vogelgesang erinnerte. Diverse Kunstpfeifer traten in Varietés, Cabarets und auf Volksbühnen auf. Kann eigentlich jeder Kunstpfeifer werden? „Man muss auf jeden Fall Musik mögen, das Lied verstehen und es möglichst genau wiedergeben können“, erklärt Madjderey, „man braucht ein gewisses Musikverständnis und eine musikalische Bildung. Es ist auf jeden Fall gut, wenn man Noten lesen kann, auch wenn man Lieder nach Gehör lernen kann.“ Essenziell sei aber das Üben. „Das muss man wirklich lieben. Das Pfeifen ist ein körpereigenes Instrument, das man nicht gelernt bekommt. Deshalb muss man selbst aber auch viel Zeit und Leidenschaft dafür aufwenden.“

Müdigkeit als Trumpf
Das Kunstpfeifen ist nicht zuletzt eine physische Herausforderung. Das richtige Aufwärmen der Lippen und eine natürliche Feuchtigkeit, die nicht mit Cremes oder Salben verstärkt wird, sind wichtige Bausteine zum Erfolg. Je mehr Lungenvolumen jemand zur Verfügung hat, umso länger kann er beim Pfeifen einen Ton halten. Kunstpfeifer verwenden nicht alle dieselbe Technik. „Manche pfeifen beim Ein- und Ausatmen, ich hauptsächlich beim Ausatmen und nutze die kurzen Unterbrechungen in Liedern als Atempause und zum Einatmen.“ Die Müdigkeit ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. „Sehr schwierige Stellen in Liedern muss man oft 100x üben, doch wenn der Zungenmuskel und die Lippen müde werden, hat das den Vorteil, dass sie drei Tage später gestärkt sind.“

Madjderey hat mittlerweile schon zwei CDs veröffentlicht. „Schlaflieder für Küken“ ist ein Album für Kinder mit gesprochenen und gepfiffenen Geschichten, unlängst veröffentlichte er mit „Weihnachtslieder gepfiffen“ ein weiteres Werk passend zur besinnlichen Jahreszeit. Zum Pfeifen eignen sich unterschiedlichste Lieder. „Vorwiegend sind es jene, die auf Instrumentalmusik basieren. Sobald ein Gesang dabei ist, macht der Text die Musik aus - wie etwa bei ,Despacito‘. Man interpretiert so einen Song natürlich ganz anders, als ein in der Melodie komplexes klassisches Stück. Das Lieblingslied des 33-Jährigen ist gleichzeitig das erste, das er einst zu pfeifen begann: Mozarts “Königin der Nacht“. “Es ist einerseits sehr beeindruckend, dieses Lied zu pfeifen, andererseits brachte es mich zur Kunstpfeiferei. Ich pfeife aber auch gerne einen modernen Song wie eben ,Despacito‘.“

Eigenes Tonstudio
Auch wenn es Weltmeisterschaften und Bewerbe gibt, ist die Kunstpfeifszene mehr als überschaubar. “Diese Clique ist sehr winzig. So wie man sich vielleicht unter Sängern österreichweit kennt, kennt man sich unter Pfeifern weltweit. Wir wohnen alle so weit auseinander, dass es schwierig ist, in diesem Bereich eine Gesellschaft zu pflegen.“ Unter www.kunstpfeifer.com kann man Sirus Madjderey - außerhalb der Pandemie-Beschränkungen - für kleine Feierlichkeiten, Hochzeiten oder auch große Bälle buchen. Seine Sets changieren zwischen 15 und 45 Minuten mit kurzen Unterbrechungen. “Physisch ist aber ein ganzes Abendprogramm möglich.“ Der Wiener verbringt seinen Tag meist pfeifend und hat sich für den kollektiven Hausfrieden daheim ein kleines Tonstudio eingerichtet. “Wenn ich viele hohe Töne pfeife, dann kann es vielleicht mal lästig werden."

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