21.09.2021 06:00 |

Durchblick fehlt

Corona und das Zahlenchaos im Gesundheitssystem

Der Rechnungshof übt Kritik an Bund und Ländern bei der Datenerfassung: Bürokratie und Zettelwirtschaft statt Digitalisierung! Denn nach wie vor fehlen konkrete Zahlen und offizielle Datenbanken.

Statistiker neigen zu nüchternen Analysen auf Basis von Zahlen. Doch eben diese fehlen aktuell in Österreichs Gesundheitssystem. Just in der Corona-Pandemie. Das tut dem emeritierten Statistikprofessor Erich Neuwirth weh: schlechtes Datenmanagement, so die höfliche Zusammenfassung.

Es gibt keine offizielle Datenbank für Spitäler
„Es gibt viel Verwirrung. Bei Spitälern wissen wir nur, wie viele auf Normal- oder Intensivstationen sind. Details kennen wir nicht.“ Es gibt auch keine offizielle Datenbank, wo die Spitäler ihre Zahlen einmelden können. „Ein hochrangiger Beamter sagte, dass es eh nicht wichtig ist, ob die Forscher alle Daten haben.“ Forscher ohne Daten? Klingt wie ein Klavierspieler ohne Klavier.

Handgeschriebene Zettel für Dokumentation
Apropos. Neuwirth hört, dass die Spitäler teils noch immer auf handgeschriebenen Zetteln die Todesfälle dokumentieren. Digitalisierung ist ein großes Wort. Und manchmal ein Fremdwort. Vor allem in diesem elementaren Bereich.

Die „Krone“ hat einen international anerkannten Experten befragt. Carsten Eickhoff, Professor für Computerwissenschaften (u.a. Harvard), plädiert für Technologisierung von Abläufen, um das System effizienter zu gestalten. „In fast allen Teilgebieten der Medizin sehen wir künstliche Intelligenz, was klinische Fehler und Verzögerungen vermeidet.“ Dies funktioniere in den USA gut. In Österreich gibt es Zettelwirtschaft und Datenwirrwarr. Das dürfte Folgen haben.

Allein 2020 wurden Schätzungen zufolge zehn Millionen ärztliche Untersuchungen wegen Corona verschoben. Zudem berichtet Neuwirth von mehr Todesfällen in den letzten Wochen im Vergleich zu den letzten Jahren. „Das müsste man untersuchen. Aktuell können wir nur vermuten und anekdotisch erraten. Es fehlen evidenzbasierte Daten.“

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In Europa halten sich noch immer viele lokale, regionale Insellösungen. In den USA beispielsweise kommt so etwas beinahe nicht mehr vor.

Carsten Eickhoff, Daten-Experte und Professor für Computer-Wissenschaft

Hintergründe & Fakten

Carsten Eickhoff ist Wissenschaftler im Bereich Digitalisierung von Gesundheitssystemen. Aktuell ist er an der Brown University in den USA beschäftigt, davor war er an den Eliteunis Harvard und an der ETH Zürich tätig. Er war heuer auch Vortragender beim Austrian Health Forum. Seine Thesen für mehr Effizienz im Gesundheitssystem: Künstliche Intelligenz kann vieles erleichtern und effizienter gestalten. In der Wissenschaft herrsche bei datengetriebenen Methoden Goldgräberstimmung, und der Stand der Kunst verändert sich täglich. Vieles aus 2020 sei heute überholt. Manche befürchten, es sei alles möglich, und der Terminator lauere schon hinter der nächsten Ecke. „Davon sind wir zum Glück noch weit entfernt.“ Das leitende Paradigma bei der Künstlichen Intelligenz sei nicht, den Arzt zu ersetzen, sondern lediglich ihm wiederkehrende unkreative Aufgaben abzunehmen, etwa elektronische Patientenakten, um mehr Zeit für Menschenaufgaben, wie zum Beispiel den Patientenkontakt, zu verschaffen. Viele theoretische und auch klinisch erprobte Methoden lassen sich in der Praxis noch nicht gut umsetzen. Dies liege nicht an der Technik, sondern an Arbeitsprozessen.

Ministerium arbeitet an „Lösungsvorschlägen“
Was sagt das Gesundheitsministerium? „Wir arbeiten intensiv an Lösungsvorschlägen und prüfen, ob es gesetzliche Anpassungen in den kommenden Monaten geben kann. Wesentlich ist die Wahrung von sensiblen Gesundheitsdaten.“

Für Erich Neuwirth zu wenig. „Ich schreibe immer wieder Vorschläge ans Ministerium. Minister Anschober hat mit mir gelegentlich noch telefoniert, von Nachfolger Mückstein habe ich noch nichts gehört.“ Vielleicht werden Neuwirth und andere doch erhört. Und die Reise ins Ungewisse könnte einen nachhaltigen Lerneffekt bringen.

Erich Vogl
Erich Vogl
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