17.09.2021 06:00 |

Die „Krone“ im Cockpit

Mit dem Gripen am russischen Radarschirm

Am kommenden Montag will Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) ihren Amtskollegen Peter Hultqvist in Schweden treffen. Die „Krone“ hat sich vorab ein Bild von den wehrhaften Skandinaviern gemacht - aus der Luft.

Wir sind im Norden. In dem Land, in dem nicht nur Skype, Spotify, IKEA und der Reißverschluss erfunden wurden - sondern auch das Dynamit. Schweden, mit zehn Millionen Einwohnern kaum größer als Österreich, ist gemessen an seiner Einwohnerzahl eine der wehrhaftesten Nationen Europas. Das liegt an der Nachbarschaft: „Sobald wir hier in der Luft sind, sind wir im Wirkungsbereich der russischen Abwehrraketen“, erklärt Testpilot Patrik, seit 20 Jahren Pilot bei der Schwedischen Luftwaffe, während wir uns in die engen Überlebensanzüge zwängen und die Nähte überprüfen, die mit bernsteingelbem Klebstoff wasserdicht gemacht wurden.

Die Ostsee, über die wir heute in einem der hier gebauten Gripen-Kampfjets fliegen werden, ist tückisch und mit 16 Grad Wassertemperatur auf Dauer lebensbedrohlich. Schwimmweste, Notsender, Helm, Sauerstoffmaske - insgesamt 15 Kilogramm wiegt die Ausrüstung, mit der wir in das Cockpit des Überschalljägers steigen.

Alte Bekannte in Österreichs Streitkräften
Dass ein kleines Land wie Schweden im großen Stil Kampfflugzeuge baut, liegt an der Flugzeugknappheit während des Zweiten Weltkriegs. Weil es am internationalen Markt kein Angebot mehr gab, gründete das Königreich mit der Industriellenfamilie Wallenberg die Firma SAAB, übersetzt Schwedische Flugzeug Aktiengesellschaft. Nur wenige Jahre später hatte Schweden die viertgrößte Luftwaffe der Welt. Auch Österreich sollte daraufhin zahlreiche Jets von Saab kaufen. Von der unförmigen, aber schnellen „Fliegenden Tonne“ bis zu dem markanten „Draken“ wird der Name zum Haushaltsbegriff für Österreichs Heeresflugzeuge.

Ein kalter Luftstrom füllt die Sauerstoffmaske
Patrik spult das Triebwerk hoch. Wir sind an sieben Punkten mit dem Jet verbunden, Druckluft fließt über einen Schlauch an der Hüfte in den Überlebensanzug und kühlt den Körper. Ein kalter Luftstrom dringt auch in die Sauerstoffmaske, bei tiefen Atemzügen sticht er in der Lunge. Geflogen wird mit geschlossenem Visier und feuerfesten Handschuhen. Handy, Kamera, selbst die Uhr am Handgelenk mussten aus Sicherheitsgründen am Boden bleiben. Wir rollen die letzten Meter zur Startbahn.

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Russland ist allgegenwärtig
Schweden muss mit seinen Ressourcen sparsam umgehen. Wenige Menschen, dafür viel Know-how. Keine Arbeiterarmeen, dafür viele Akademiker, rund zweimal mehr als in Österreich. Und viel Militär: 120 Kampfpanzer betreibt das Land, mehr als das Zehnfache von Österreich, dazu mehr als 100 Kampfflugzeuge - Österreich hat 15. Russland ist allgegenwärtig. Seit der Krim-Annexion 2015 ist das Verhältnis zu Putin auf dem Tiefpunkt, fast täglich verletzen russische Jets den schwedischen Luftraum über der Ostsee, unserem heutigen Ziel.

Aus dem leisen Surren des Triebwerks wird ein dumpfes Grollen, der Nachbrenner zündet. Jetzt fließt reiner Sprit aus Rumpftanks direkt in den heißen Abgasstrahl des Jets, die Beschleunigung ist unnachgiebig. Nach wenigen Hundert Metern ist der Jet in der Luft. Die Nackenmuskeln arbeiten, noch immer will der Vorwärtsschub den Kopf zurück in den Schleudersitz drücken. Aus den Augenwinkeln sind die beiden Canards erkennbar, markante Höhenruder, die aus aerodynamischen Gründen vor den Flügeln liegen. Wir steigen bis knapp unter die tief liegende graue Wolkendecke und nehmen Kurs auf die pechschwarze Ostsee.

Versuch in Österreich: „Waren zu selbstsicher“
Der „Greifvogel“ der Schweden hat Abnehmer im Ausland: Ungarn, Tschechien, Südafrika und Thailand fliegen die aktuelle C-Version, Brasilien hat nach Schweden als erstes Land einen Auftrag über die brandneue E-Version erteilt. In Österreich war das Flugzeug lange Zeit Favorit als Draken-Nachfolger, bevor unter Schüssel und Grasser überraschend der Eurofighter gewählt wurde. Bei Saab sucht man die Schuld auch bei sich selbst. „Wir waren zu nachlässig, zu selbstsicher“, sagt ein Vertreter der Gruppe im Gespräch mit der „Krone“ in Linköping, dem Sitz des Konzerns.

Nun hoffe man auf eine zweite Chance. Der Jet sei signifikant günstiger im Betrieb, weniger wartungs- und personalintensiv - im Notfall kann sogar der Pilot alleine seinen Jet landen, selbst auftanken, die wichtigsten Außenchecks durchführen und wieder starten. Gripen-Piloten auf Flugshows im Ausland machen das gelegentlich so, sie haben gar kein Bodenpersonal mehr mit - und ernten erstaunte Blicke ihrer Fliegerkollegen.

Tranche-1-Eurofighter mit Schwächen
Doch Österreich sitzt auf 15 abbezahlten Eurofightern, in die man bereits viel investiert hat. Nicht nur der Kaufpreis der Jets schlägt zu Buche, Geld floss auch in aufwendige Hangaranlagen in Zeltweg, in die teure Ausbildung der Piloten in Deutschland und die Wartung des Geräts. Da unsere Eurofighter aus der Tranche 1 sind, zählen sie zu den ältesten Maschinen Europas. Andere Länder wie Großbritannien sind gerade dabei, diese Jets nach 2500 Flugstunden schon wieder stillzulegen - gebaut wurden sie für mindestens 5000 Flugstunden. Das könnte den Betrieb in Österreich teurer machen. Weniger Stück im Einsatz bedeuten höhere Ersatzteil- und Upgradekosten, der Preis pro Flugstunde steigt. Doch ob sich jetzt ein Umstieg auf ein anderes System wie den Gripen lohnt, muss erst einmal errechnet werden. Und für Politiker in Österreich gibt es dankbarere Aufgaben als für einen neuen Kampfjet ins Feld zu ziehen.

Stille beim Durchbruch der Schallmauer
Über der Ostsee indes ein dumpfer Donnerschlag. Wir haben die Schallmauer durchbrochen. Fliegen mit Mach 1,18 dem Lärm der eigenen Triebwerke davon. Kein Knall, keine Vibrationen, nicht einmal ein leichter Ruck ist im Cockpit zu spüren. Das Hochleistungsflugzeug liegt bei strahlendem Sonnenschein fast zehn Kilometer über dem Meer ruhig in der Luft. Wir rollen auf den Rücken und reduzieren die Geschwindigkeit, bevor wir steil nach unten abtauchen und auf die gleißend weiße Wolkendecke unter uns zurasen. Mit mehr als 800 km/h fängt Patrik den Jet ab und legt sich in eine Kurve, der Druck auf der Brust steigt auf mehr als das Sechsfache der Erdbeschleunigung an. Mehrere Sekunden lang wiegt jeder von uns rund 550 Kilogramm, der Rücken wird fest in den Sitz gepresst, die Atmung stockt. Der Mensch ist nicht gemacht für diese Art der Fortbewegung, der Gripen schon.

Piloten verbringen viel Zeit in der Luft
„Unsere Piloten fliegen viel“, erklärt Generalmajor Carl-Johan Edström, Kommandant der schwedischen Luftstreitkräfte, im „Krone“-Gespräch. „Sie verbringen pro Jahr rund 120 Flugstunden im Gripen-Cockpit, Neulinge sogar bis zu 150 Stunden.“ Dazu kommen Dutzende Stunden im Simulator. Zum Vergleich: Österreichs Eurofighter-Piloten fliegen pro Mann und Jahr um die 50 Stunden. „Mit unseren 120 Stunden sind wir zufrieden. Die Piloten sind routiniert. Insgesamt werden wir die Gesamtzahl der geflogenen Stunden im Jahr aber bis 2025 von 11.000 auf 16.000 erhöhen - auch, weil wir mehr Piloten ausbilden werden“, so Edström. 

Am nächsten Tag, in den Produktionshallen des Konzerns, schrauben brasilianische Gasttechniker gerade an der Seitenwand eines neuen Stückes für Südamerika. Auf Bildschirmen rotieren 3D-Modelle, die immer wieder zum Abgleich verwendet werden. In einer Lagerhalle liegen fertig vormontierte Rumpf- und Flügelteile, die innerhalb weniger Monaten zu fertigen C-Versionen verschraubt und exportiert werden können - sollten es sich Länder wie Österreich anders überlegen.

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