29.07.2021 10:34 |

„Krone“-Kolumne

Vergewaltigungs-Kultur: Realität oder Blödsinn?

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller dazu, was man unter einer Vergewaltigungskultur versteht und warum es nicht reicht, von bösen Einzeltätern zu sprechen

Wer von Vergewaltigungs-Kultur spricht, hat sich die Statistiken zu sexualisierter Gewalt angesehen und glaubt deshalb nicht mehr an die Erzählung, dass Gewalterfahrungen eine schreckliche Ausnahme sind, die man mit moralisch einwandfreiem Verhalten vermeiden kann. Vergewaltigungs-Kultur ist die deutsche Übersetzung von „rape culture“. Der Begriff wird vor allem in den USA verwendet, um wissenschaftlich zu beschreiben, dass sexuelle Gewalt verbreitet ist, aber verharmlost und geduldet wird. Zum Beispiel wenn man in einen Club geht. Oder zum Studieren in eine andere Stadt.

In den USA wird eine Vergewaltigungs-Kultur etwa an Universitäten geortet. Dort gibt es viele Burschen- und Schwesternschaften, die nicht nur für die Karriere ihrer Mitglieder wichtig sind, sondern auch Wohnhäuser am Uni-Campus betreiben. Bei Partys erleben junge Frauen dort im Bekanntenkreis sexuelle Gewalt, so häufig und systematisch, dass man eben von einer Vergewaltigungs-Kultur spricht: Am Ende des Studiums haben laut einer Studie von Hirsch und Khan 28 Prozent der Studentinnen, zwölf Prozent der Studenten und fast 40 Prozent der nicht-binären Studierenden ungewollte sexuelle Erfahrungen gemacht. Wie kann es sein, dass sexuelle Gewalt in einem solchen Ausmaß zum studentischen Alltag gehört? Spoiler: Mit der allgemeinen Bildung dürfte es nicht so viel zu tun haben.

Eines der größten soziologischen Forschungsprojekte zur Vergewaltigungs-Kultur wurde an der Columbia Universität in den letzten Jahren durchgeführt. Dem Projekt vorangegangen war u.a. der Fall von Emma Sulkowicz, einer Studentin, die von einem Mitstudenten vergewaltigt wurde und danach keine Unterstützung von der Eliteuniversität erhielt. Sie schleifte ein Jahr lang eine riesige Matratze am Campus hinter sich her, egal wohin sie ging, aus Protest. Über zwei Millionen US-Dollar wurde in das Forschungsprojekt zur Gewaltprävention investiert.

Herausgekommen ist eine kristallklare Analyse dazu, dass Vergewaltigungen in bestimmten Situationen begünstigt werden u.a. durch männlich dominierte Gruppen und Räume sowie sexistische Vergewaltigungsmythen darüber, wie man unerwünschte sexuelle Handlungen von lustvollem Sex unterscheidet. Wer sexuelle Gewalt verharmlost, über Vergewaltigungen Witze macht, oder so tut, als wäre in jedem „Nein“ ein „Ja“ versteckt, ermutigt Täter. Es herrschen an US-Universitäten also Umstände, die sexuelle Gewalt von jungen Männern wahrscheinlich werden lassen. Dazu tragen alle bei, auch die, die als Komplizen bei sexualisierter Gewalt zusehen. Genau hier müssen Präventionsprogramme und sexuelle Bildung ansetzen. Es muss Männern so schwer wie möglich gemacht werden, Macht- und Altersunterschiede sexuell auszunutzen.

Nun gibt es in Österreich solche Campus-Strukturen wie in den USA nicht. Aber es gibt ähnliche Orte, wo junge Menschen zusammenkommen und sexuelle Erfahrungen machen, die nicht immer einvernehmlich sind. Zum Beispiel Ferienlager, Trainingslager, Studentenheime, Lehrlingsheime, Internate, Maturareisen, und generell eine Partykultur, die sexualisierte Gewalt zumindest duldet. Ob man das Vergewaltigungskultur nennt oder einen anderen Begriff dafür findet, ist letztlich nebensächlich. Wichtig ist, dass man versteht, dass sexuelle Gewalt nicht nur ein Problem von gestörten Einzelnen ist, sondern die gesamte Gesellschaft angeht.

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Barbara Rothmüller
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