22.07.2021 12:52 |

Salzburger Festspiele

Der pianistische „Ironman“ Igor Levit

Der Ausnahmepianist bezwingt bei den Salzburger Festspielen die selten aufgeführte „Passacaglia on DSCH“ von Ronald Stevenson und erntet Standing Ovations.

Seit jeher versucht der Mensch, seine Grenzen auszuloten. Dafür fliegen dieser Tage Milliardäre mit selbst gebauten Raketen ins All und Olympioniken nach Tokio. Pianist Igor Levit absolvierte dafür am Mittwochabend bei den Salzburger Festspielen einen pianistischen Triathlon mit Ronald Stevensons „Passacaglia on DSCH“.

Königsdisziplin des sportlichen Triathlon ist die Ironman-Distanz - in der Klavierliteratur ist dies Ronald Stevensons „Passacaglia on DSCH“. Das Werk umfasst ebenfalls drei Teile, mit für den normalen Pianisten schier unmöglich anmutenden Passagen und einem rund 80-minütigen Dauerlauf für die Hände. Der pianistische „Ironman“ Igor Levit hat dieses Werk schon ein paar Mal bezwungen und veröffentlicht im September auch eine CD-Einspielung davon. Doch man muss Levit dabei - wie bei den Salzburger Festspielen - nicht nur gehört, sondern vor allem gesehen haben. Erst dann werden einem die Strapazen bewusst, die der Pianist auf sich nimmt, um die 141 Notenseiten überwinden zu können.

Während die Triathleten Berge, Wälder und Seen passieren, muss Levit vorbei an Walzern, Märschen und Fugen. Er spielt keltische Dudelsackweisen, tanzt Fandango und feuert mit nur zehn Fingern im zweiten Teil die „Kriegs-Visionen“ mit einer Durchschlagskraft ab, als säße eine gesamte Artillerie am Steinway. Dabei lassen sich mal mehr, mal weniger einzelne Monumentalwerke der Musikgeschichte erhören, die Stevenson in seiner „Passacaglia“ verarbeitet hat. Besonders deutlich klingen Bachs „d-Moll Toccata“ oder die mittelalterliche „Dies irae“-Sequenz durch. Auf die Spitze wird das Spiel der körperlichen Anstrengung letztlich getrieben, als Levit aufsteht und parallel zur Begleitung in der linken Hand mit der rechten in die Saiten des Flügels greift und sie mehrere Minuten zupft.

„Jeder vernünftige Mensch hat das Recht dazu, einmal am Tag überfordert zu werden“, heißt es in der Einleitung des Programmhefts. Levit scheint am Ende der knapp eineinhalb Stunden zwar gefordert, aber keineswegs überfordert. Das Publikum im Großen Saal des Mozarteums bejubelt seinen „Ironman“ dafür mit Standing Ovations und Jubel. Auf seinem Instagram-Account postet Levit ein Foto, auf dem er mit Sportklamotten und Turnschuhen im Aufzug steht. Nach dem Triathlon ist bekanntlich vor dem Triathlon.

Larissa Schütz

 Salzburg-Krone
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