02.04.2021 18:19 |

Stau im Suez-Kanal

Auch bei Tiertransporten: „Ladung wird entsorgt“

Nicht einmal eine Woche lang war der Suez-Kanal blockiert - sechs Tage, um genau zu sein. Und trotzdem hat die ganze Welt auf das Containerschiff „Ever Given“ geblickt und den Atem angehalten. Am Montag war es so weit: Freie Fahrt voraus. Warum sind sechs Tage Stau so ein großes Ereignis für die Weltwirtschaft? Sind wir zu abhängig von Asien? Und muss sich etwas ändern? Das erklären bei „Moment Mal“ diese Woche Professor Harald Oberhofer, Volkswirt am WIFO und an der WU, und Dr. Hans-Joachim Schramm, Logistikexperte auf der WU, im Gespräch mit Damita Pressl.

„Im Moment ist alles, was die Wirtschaft noch weiter behindert, nicht hilfreich“, sagt Oberhofer. Die Blockade sei zum denkbar schlechtesten Moment gekommen. Viele User im krone.at-Forum hatten sich Sorgen um Schiffe mit Schafen oder anderen Tieren an Bord gemacht - zurecht, wie Schramm erklärt: Tiertransport sei in Österreich und der Europäischen Union sehr gut reguliert, international aber nicht. „Sobald ein Schiff seine 12-Meilen-Zone verlässt, ist es auf internationalem Gewässer und kann relativ machen, was es möchte“. Im Fall einer Blockade werde bei Tiertransporten „die Ladung im Zweifelsfall entsorgt“, so Schramm. Es komme zu einer Notschlachtung und, falls möglich, zur Verwertung.

Aber warum eigentlich die Riesenfrachter im schmalen Kanal? Schramm erklärt: „Vor zehn oder 15 Jahren wurde das erste große Containerschiff gebaut. Da geht es darum, Skaleneffekte zu erzielen. Es soll einfach alles billig sein.“ Und je größer das Schiff, desto günstiger der Transport. Es ist nicht viel passiert bislang. In den letzten Jahren gab es vielleicht alle zwei Jahre ein kleineres Problem.“ Da würden sich große Absicherungen nicht auszahlen.

Sind wir also zu sehr von Asien abhängig? Oberhofer verneint: „Wir sind natürlich schon bis zu einem gewissen Grad abhängig, aber das ist auch Asien von Europa“. Durch die Globalisierung hätten wir eben eine arbeitsteilige Wirtschaft. „Österreich ist ein kleines Land. Die Vorstellung, dass wir alles, was wir konsumieren, selbst in Österreich produzieren könnten, ist realitätsfern.“ Bei sensiblen oder strategisch wichtigen Produkten wie etwa Medikamenten würde uns aber mehr Streuung guttun, sagt Oberhofer: „Stellen wir uns einmal vor, die Medikamentenproduktion wäre letztes Jahr zentriert in Bergamo gewesen. Dann hätten wir auch einen Totalausfall gehabt. Nur weil etwas näher ist, heißt das ja nicht, dass nichts passieren kann. Aber wir sind in gewissen Produkten sehr stark von einzelnen Anbietern abhängig.“

Die „Ever Given“ ist wieder flott - doch das Problem noch lang nicht aus der Welt geschaffen. Schramm veranschaulicht: „Stellen Sie sich vor, Sie möchten mit der U-Bahn und anschließend mit dem Bus zu Ihrem Ziel fahren. Die U-Bahn kommt jede Woche einmal. Wenn Sie diese verpassen, oder sie voll ist, müssen Sie eine Woche warten. Und wenn die U-Bahn für eine Woche blockiert ist, dann sitzen Sie fest. Irgendwann geht es weiter, sie wollen in den Bus steigen, aber der Bus ist weg, oder voll.“ Es kommt also zu Folgeverzögerungen: die Ankunftshäfen sind überlastet, weil alle Waren gleichzeitig ankommen, das Entladen dauert länger, damit verzögert sich die Wiederabreise, in Asien fehlen leere Container und das Auflösen des Rückstaus ist eine Herausforderung. Damit wird die Blockade noch eine Weile Thema bleiben und die Gesamtkosten sehr hoch ausfallen.

Warum man Containerschiffe nicht einfach entladen kann, warum es auch nicht so leicht ist, um Afrika herum dem Suez-Kanal auszuweichen, und warum Österreich jetzt Zitronensäure fehlt, sehen Sie im Video.

Damita Pressl
Damita Pressl
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