Liliom Premiere:

Prater-Strizzis als gefühlskalte Prügler enttarnt

Zum Zeitpunkt des Lockdowns im März stand die Vorstadtlegende „Liliom“ von Franz Molnár kurz vor der Premiere im Schauspielhaus Linz. Die wurde nun nachgeholt. In Peter Wittenbergs kühler Inszenierung im Industrie-Look verschwindet alle Prater-Romantik und die Strizzis werden als gefühlskalte Prügler enttarnt.

Unheilschwanger rotieren schwere Stahlträger-Teile in der Luft, blicken zwei riesige Augen aus dem Dunkel ins Publikum, lacht Theresa Palfi als Julie mit blutendem Gesicht hysterisch in die Kamera (Video: Philipp Contag-Lada) - Regisseur Peter Wittenberg will alles, bloß keine Rummelplatz-Romantik für seinen „Liliom“.

Gewalttätige Kriminelle
Die titelgebende Hauptfigur des Ungarn Franz Molnár (Deutsch von Alfred Polgar) ist bekanntlich Karussell-Ausrufer, verliebt sich in das mittellose Dienstmädchen Julie und versaut nicht nur sein Leben daraufhin gründlich. Der Industrie-Look der Bühne von Florian Parbs bietet den Boden jedoch nicht für charmante Ringelspiel-Strizzis, denen man eine Watsch’n schon einmal verzeiht. Sondern für gewalttätige Kriminelle, die auch vor der eigenen Frau nicht Halt machen. Ein zeitgemäßer, wenn auch unbequemer Kommentar zur Verharmlosung von Übergriffen aller Art.
Helmuth Häusler spielte bei der Premiere am Freitag im Linzer Schauspielhaus einen hölzernen Liliom ohne emotionale Ebenen. Hat er Julie wirklich geliebt? Man glaubt es ihm nicht.

Drag-Queen
Theresa Palfi zeigte als Julie gekonnt die Hin- und Hergerissenheit einer Frau, die ihre gewalttätige Beziehung verheimlicht oder herunterspielt. In ihren Nebenrollen glänzten Christian Higer als gefährlicher Vokuhila-tragender Vollprolet Ficsur (auch als Arzt und Stephan Kadar) und Sebastian Hufschmidt als zur Drag-Queen verwandelte Ringelspiel-Besitzerin Frau Muskat. Später gab er noch den genervten Polizeikonzipisten, der Liliom seine Reue nicht und nicht herauszulocken vermag - hier hätte eine Straffung nicht geschadet. Isabella Campestrini switchte gekonnt von der resoluten Marie zur naiv-übertriebenen Luise. In weiteren Rollen Christian Taubenheim als Linzmann, Drechsler und Dr. Reich sowie Daniel Klausner und Benedikt Steiner (letzterer auch als Wolf Beifeld) als lässig-bedrohliche Polizeibeamte. Störend wirkten manchmal die eigenwilligen Kostüme von Hanna Rode.

Höflicher Applaus
Das drastische Regie-Theater ohne Schnickschnack kam beim Premierenpublikum mäßig an. Höflicher Applaus. Nächste Vorstellungen: 24.; 30. 10.

Jasmin Gaderer/Kronen Zeitung

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Samstag, 31. Oktober 2020
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