25.07.2020 05:00 |

Medizingeschichte

Von Quacksalbern, Heilern und bizarren Arzneien

Kokain für Kinder, Bein-Amputationsrekord (6 Sek.) ohne Narkose, Gin für Stillende gegen den Pesthauch - die aberwitzigsten Therapien aller Zeiten verursachen noch heute Gänsehaut.

Schmerzen, Infektionen, Verletzungen, psychische Störungen Zahnprobleme, Kinderkrankheiten - die ewigen Leiden der Menschheit. Kein Wunder, dass ohne Unterlass nach Gegenmitteln gesucht wurde. Mit den skurrilsten Ergebnissen. Der Haut wurde etwa mit Giften zugesetzt („Fowler’s Solution“, das Präparat eines Arztes mit Arsen, 1786 erstmals propagiert, blieb immerhin 150 Jahre lang auf dem Markt).

Barbiere, die Ahnen unserer heutigen Friseure, führten zum Haarschnitt gleich einen Aderlass durch. Diese „Blut-Entleerungstherapie“ war Mitte des 17. Jahrhunderts in Frankreich bei Adeligen besonders populär. Auch Mozart starb letztendlich 1791, nachdem ihm in der letzten Lebenswoche mehr als zwei Liter Lebenssaft abgezapft wurden.

Alkoholismus als Krankheit erkannt
Die Ärztin Dr. Lydia Kang und der Wissenschaftsjournalist Nate Pedersen schufen eine spannende Zusammenstellung unterschiedlichster Anwendungen in Buchform. Wir haben „Abgründe der Medizin“ quergelesen: Während die Pest Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa wütete, experimentierten die Holländer mit aus Korn gewonnenem Alkohol und (als gesundheitsfördernde Beigabe) Wacholderbeeren. Der Vorläufer des Gins wurde sogar stillenden Müttern angeraten. Der schwarze Tod streckte sie trotzdem nieder, der Schnaps vernebelte ihnen aber wenigstens die Sinne. Immerhin erkannte Dr. Leslie Keely, ein Lazarettarzt im amerikanischen Bürgerkrieg so um 1880, dass Alkoholismus eine Sucht, eine Krankheit sei - er könne sie mit Gold-Tinkturen heilen. Als Hauptbestandteile stellten sich allerdings bei einer (heimlich durchgeführten) Analyse Morphin, Cannabis, Kokain, Weidenrindenextrakt (Ausgangsstoff des Schmerzmittels Aspirin) heraus - in der damaligen Zeit auch „dope“ genannt. Das heutige umgangssprachliche Wort für „Rauschgift“ . . . 

Kokain war dann das Wundermittel des 19. Jahrhunderts „gegen eh alles“ - auch ein gewisser Dr. Sigmund Freud aus Wien nahm es ein - wurde aber bereits vor 5000 Jahren in den Anden als Aufputschmittel gebraucht. Kindern verabreichte man Kokain-Zuckerln gegen Zahnweh, Älteren Kokain-Zäpfchen gegen Hämorrhoiden. Die Wirkung der Droge revolutionierte aber auch die Zahnchirurgie des frühen 20. Jahrhunderts als Mittel zur Schmerzlinderung.

Kollateralschaden: Abgetrennte Finger
Bis in den ersten Weltkrieg hinein mussten Amputationen aufgrund fehlender Anästhesie schnell gehen, um die furchtbare Erfahrung für den Betroffenen, durch die so mancher wahnsinnig wurde, kurz zu halten. Den Rekord stellte der schottische Arzt Benjamin Bell bei der Abnahme eines Oberschenkels in 6 Sekunden auf. Dass in der Eile manchmal auch die Finger des Assistenten, welcher den Patienten fixierte, mit abgeschlagen wurden, galt als Kollateralschaden.

Sekrete von Schweinen
Arzneien tierischen Ursprungs werden heute weitgehend gentechnologisch erzeugt. In früheren Jahrhunderten riet man durchaus sinnvoll, das Sekret aus Bauchspeicheldrüsen von Schweinen und Rindern in die Armvene von Diabetes-Patienten zu spritzen (Insulin), bei trockenen Augen Schafsfett (Lanolin), bei Blutgerinnsel „Schleim“ aus der Darmwand von Schweinen bzw. Rinderlungen als Injektion (Heparin) zu verabreichen. Pioniere waren die ersten Heilkundigen allemal, und sogar Scharlatane hatten ihre Funktion. Indem man ihre Methoden hinterfragte, wurde der Grundstein der modernen Medizin gelegt.

Karin Podolak, Kronen Zeitung

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