18.06.2020 06:00 |

Neues Album

Bob Dylan: Gutes Gewissen für das moderne Amerika

Acht Jahre nach „Tempest“ veröffentlicht Bob Dylan dieser Tage mit „Rough And Rowdy Ways“ ein neues Studioalbum. Der 79-Jährige changiert zwischen Fiktion und Realität und spiegelt damit ein akkurates Bild der amerikanischen Kultur zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wider.

Die Welt ist eine düstere. Eine ganze Pandemie hat sie flachgelegt, der ohnehin nie verschwundene Rassismus ist nicht nur in den USA wieder am Vormarsch, aber dort brennen sogar die Läden und werden die Straßen mit Protesten und Demonstrationen überschwemmt. Riskieren wir mit 5G wirklich eine Krebserkrankung? Außerdem wurde laut esoterischen Berichten der Maya-Kalender falsch gedeutet und der für 2012 prognostizierte Weltuntergang sollte irgendwann in den nächsten Wochen vonstattengehen. Worauf soll man sich denn da noch verlassen? Zum Beispiel auf einen, der ebenfalls eine Klammer zwischen 2012 und 2020 aufzuweisen hat und dabei nie unterging: Bob Dylan. „His Bobness“ hat vor acht Jahren mit „Tempest“ ein würdevolles Album aufgenommen, sich danach jahrelang auf das „große amerikanische Songbook“ im Allgemeinen und Frank Sinatra im Speziellen konzentriert, spendet nun aber all den Verunsicherten, Vergessenen und Verwirrten mit „Rough And Rowdy Ways“ neuen Trost.

Schockierende Entwicklungen
Und Trost brauchen wir alle. Der oft so grummelige, kaum zugängliche Dylan gab unlängst der „New York Times“ eines seiner extrem raren Interviews und zeigte sich über die aktuellen Entwicklungen in den USA schockiert. „Wie George Floyd so zu Tode gequält wurde, hat mich unendlich krank gemacht“, gab er sorgenvoll kund, „lasst uns hoffen, dass seiner Familie und der Nation rasch Gerechtigkeit widerfahren.“ Dylans - neues - Alterswerk lässt sich durchaus als Manifest für die sozialen Schieflagen deuten. Der meisterliche Lyriker, für den unzählige Analysten abertausende Stunden zum Textverständnis aufwendeten, bekam 2016 nicht umsonst den Literaturnobelpreis. Dass er ihn eher kantig und widerwillig angenommen hat, mag Belletristen brüskiert haben, war schlussendlich aber nur Teil seiner ehrlichen Authentizität. Granteln mit sozialem Hintergrund, könnte man das auch nennen. Oder eben - harte Schale, weicher Kern.

Auf glattpolierte Schönheit setzt Dylan schon lange nicht mehr. Schon gar nicht bei seinen Konzerten, wo er seine großen Hits mit diebischer Freude bis zur Unkenntlichkeit verformt, lieber ins Mikro mauschelt als singt oder - Weltsensation letztes Jahr im Wiener Konzerthaus! - auch mal das respektlose Publikum rügt. Das teilt die Anwesenden in zwei Lager. Die einen, die sich verstanden fühlen und jede noch so unsympathische Vorgehensweise des großen Künstlers bis aufs Blut verteidigen und die anderen, die sich bei den gegenwärtigen Konzertticketpreisen dann doch lieber überlegen, ob man sich das wirklich antun muss. Seine „Never Ending Tour“ schien ohnehin Wind und Wetter zur trotzen - nur ein kleines Virus hat auch den großen Bob Dylan heuer in die Schranken verwiesen. „Rough und Rowdy“ ist es nicht nur auf seinem 70-minütigen Doppelalbum, sondern vielmehr in der Realität, in der man sich aufgrund der Menge an Sorgen und Problemen nur zu gerne in den klanglichen Schoß des kernigen Kunstbeflissenen flüchtet.

Zwischen Realität und Fiktion
„Murder Most Foul“ hieß der Song, den Dylan Ende März, mitten in den frühen Tagen der Pandemie und Unsicherheit, als 17-minütiges Monumentalwerk veröffentlichte und für Staunen sorgte. Nur oberflächlich schildert die Nummer das tödliche Attentat auf John F. Kennedy 1963, das Dylan durchaus als Verschwörung sieht, doch im opulenten Erzählstrang geht es um den amerikanischen Traum, um die Beatles, um Julius Cäsar, um Woodstock oder um den schleichenden Untergang des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten. Der zweite Teil des „Doppelalbums“ besteht ausschließlich aus diesem Song und zeigt den genialen Songwriter so durchdacht und genial wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Textlich schlägt Dylan in all den zehn Songs ohnehin wieder zahllose Haken, lässt sich nicht einfach nur am Offensichtlichen festmachen, sondern fabuliert sich zwischen Realität und Fiktion in eine Art lyrische Trance, die ihn über all die Jahre hinweg zu einem einzigartigen Freigeist der niedergeschriebenen Kreativität werden ließ.

Das Amerika des Bob Dylan erarbeitet sich seinen Weg an die Front. Etwa in der Hommage „Goodbye Jimmy Reed“, einem sanften Song, den er als Tribut an sein Mundharmonikaidol geschrieben hat. Der Blues dominiert Songs wie „False Prophet“, den mystischen „Black Rider“ oder das sanfte „Crossing The Rubicon“, aber der 79-Jährige bedient sich bei allen großen Gebieten der US-Tonkunst. Chicago, Detroit, New York, Atlanta - in einer fast schon arroganten Selbstverständlichkeit verknüpft Dylan das „Songbook der USA“ aus der Perspektive seiner eigenen, knapp 60 Jahre andauernden Karriere. Er kann aber auch skurril, wie im Song „My Own Version Of You“, in der als eine Art Doktor Frankenstein Leichenfledderei begeht und sein raues Timbre über eine Horrorliebesfantasie legt. Die Kratzbürstigkeit der Stimme lässt sich vor allem in „Mother Of Muses“ ergründen, ansonsten bemüht er sich redlich, das fast schon gewohnte Nuscheln seiner Live-Auftritte merklich zurückzustellen.

Am Gipfel angelangt
In jungen Jahren hat sich Bob Dylan als Protestsänger und Identifikationsfigur verweigert. Schockiert von den Geschehnissen der Gegenwart und mit einem wachen Geist gesegnet fühlt er im Spätherbst das Lebens sich selbst und anderen dazu verpflichtet, Stellung zu beziehen. Dylan tut das natürlich nicht mit der groben Kelle, sondern mit dem feinen Pinsel. Auch wenn Gestus und Ausstrahlung anderes vermuten lassen - auf „Rough And Rowdy Ways“ scheint der Altmeister versöhnt mit sich und seiner Umwelt und bereit dazu, Hoffnung und Optimismus auch an Tagen der Orientierungslosigkeit aufblühen zu lassen. Wer kurz vor dem neunten Lebensjahrzehnt allumfassend schöne Songs wie „Key West (Philosopher Pirate)“ oder das betörende „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“ schreiben kann und dabei noch nicht eine Sekunde über Kitsch stolpert, der hat sich den Titel „Living Legend“ mehr als redlich verdient. „His Bobness“ ist am Karrieregipfel angelangt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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