11.06.2020 06:00 |

Love, Death & Dancing

Jack Garratt: Selbstfindung nach der Höllenzeit

Mentale Gesundung statt Welterfolg - der Brite Jack Garratt hat sich vier Jahre nach seinem Debütalbum „Phase“ rundum verändert und nicht nur seine Karriere, sondern sein ganzes Leben wieder in den Griff kriegen müssen. Auf „Love, Death & Dancing“ feiert er seine ganz persönliche Wiederauferstehung, wie er auch der „Krone“ im Interview verrät.

Manchmal ist ein vermeintlicher Segen der größte Fluch. Jack Garratt kann davon gleich mehrere Lieder singen - und tut das auch. Doch drehen wir die Uhr zuerst ein paar Jahre zurück. 2015 gewinnt er die renommierte „BBC Sound Of…“-Reihe, räumt einen Brit-Award ab und veröffentlicht nur wenig später sein Debütalbum „Phase“. Die Augen der Popwelt waren für ein gutes halbes Jahr nur auf den smarten Rotschopf gerichtet. Den „BBC Sound Of…“-Preis räumten vor ihm etwa Sam Smith, Adele oder Ellie Goulding ab. Allesamt Künstler, die stattliche Weltkarrieren machten und zu schillernden Stars wurden. Eben all das, was von Garratt erwartet wurde und womit er nicht umgehen konnte. „Phase“ war ein gutes Album, aber kein Kracher. Es fehlten die großen Hits, die euphorisierten Experten waren schnell ernüchtert. Garratt resignierte schnell und brach schnell die Tour zum Album aufgrund aufkommender mentaler Probleme ab.

Persönlichkeitssuche
Er versuchte sich mit Arbeit abzulenken, schrieb ein neues Album und warf es wieder in die Tonne. Grauenvoll sei es gewesen, wird er später erklären, er hätte es nicht geschafft sich selbst so zu akzeptieren, wie er ist, also war auch an der Musik nichts authentisch. Die Authentizität hat ihm schlussendlich auch am Debütalbum gefehlt. Vermischt mit den Vorschusslorbeeren und dem nicht zu erfüllenden Druck sah er seine anfangs so aufblühende Karriere nur mehr als Fessel und sein Leben als Übel. „Ich wusste damals noch nicht, wer ich bin und was ich eigentlich wollte“, erinnert er sich im Videotalk mit der „Krone“ zurück, „viele Menschen gaben mir Tipps und Ratschläge, andere haben mich bewusst manipuliert, aber ich habe sie aus meinem Leben geworfen. Ich habe mich von meinem Management getrennt, eine Zeit lang pausiert und reflektiert. Ich musste dringend etwas ändern.“

Garratt, mehr Musiker als bloßer Posterboy für den Ruhm ein unabwendbares Übel darstellt, versteckte sich zuhause und bei seiner Familie. Als er mit seiner Frau New York besuchte stand er kurzzeitig vor dem Tiefpunkt seines Lebens und dachte das erste Mal an den Freitod. „Was mir in der Phase wirklich geholfen hat, war zu lernen, dass es eigentlich keinen Endpunkt im Leben gibt“, reflektiert er die wohl schwierigste Phase seines Lebens, „ich habe die toxischen Dinge in meinem Leben gewähren lassen. Ich dachte immer, ich hätte alles im Griff, aber nach einigen Monaten merkte ich, dass ich mich keinen Zentimeter vorwärtsbewegte. Wenn du eine Person der Öffentlichkeit bist, ist immer alles gut, solange du selbst gut drauf bist. Sobald das aber nicht der Fall ist, will dich jeder reparieren. Alle wollten meine Emotionen wegschieben. Sue haben sich besser gefühlt, indem sie mir sagten, ich solle nicht traurig sein. Solange ich mich aber nicht wie ein arrogantes Arschloch aufführe, ist es völlig egal, ob meine schlechte Laune andere traurig macht. Es geht schließlich um mich.“

Kampf gegen die Ängste
Die neu gewonnene Selbstsicherheit und eine gesunde Form des Egoismus haben schlussendlich auch den Schreibprozess zum Album geprägt. „Love, Death & Dancing“ erscheint mehr als vier Jahre nach dem Debüt, in diesen vier Jahren hat Garratt aber gefühlt die doppelte Zeit durchlitten. „Ich bin nun selbstbewusst genug, um meine Musik zu lieben, aber nicht so arrogant zu glauben, dass sie andere Menschen auch lieben müssen. Natürlich hoffe ich, dass man meine Songs mag, aber das war dieses Mal nicht das Ziel. Dieses Album habe ich für mich geschrieben.“ Ursprünglich wollte Garratt das Werk „Songs About Love And Death“ nennen, doch seine Frau riet ihm in Zeiten der Corona-Pandemie vom doch eher „endgültigen“ Titel ab. Alle drei Wörter konnotiert der Künstler mit Ängsten. „Ich hatte lange Angst, mich selbst zu lieben. Ich habe schon immer Angst vor dem Tod und es ängstigt mich, wenn mir jemand beim Tanzen zuschaut.“ Gerade diese Erkenntnis war wichtig im mentalen Gesundungsprozess, war Garratt doch als Kind und Jugendlicher leidenschaftlicher Tänzer. „Nur habe ich diese Freude verloren und darüber habe ich viel nachgedacht.“

Das zwölf Songs starke Werk ist kein Konzeptalbum, folgt aber einer Art abstraktem Narrativ. Prinzipiell hat es Garratt in zwei Hälften geteilt. Die ersten sechs Nummern haben einen amüsant-arroganten Touch und blicken zurück, in der zweiten Hälfte feiert er sein gesundetes Befinden in der Gegenwart und blickt optimistisch nach vorne. Garratt räumte sich alle Freiheiten ein, ließ die Musik im Kompositionsprozess fließen und gewährte sich schlussendlich die Möglichkeit zu überraschen. Hochgepitchte Refrains wechseln sich ab mit Anklängen an Prince, James Blake oder sogar Queen. Nur wenige Songs wie „Circles“ oder „Mend A Heart“ haben das offensichtliche Potenzial, locker durch den Mainstream zu schreiten, denn Garratt hat gar nicht erst versucht, seiner überbordenden Kreativität einen Riegel vorzuschieben. Dissonante Gitarren und eingängige House-Beats stehen sich ebenso diametral gegenüber, wie vertrackte Drum-Patterns und melancholische Momente, die vor allem durch die ehrlichen und schonungslosen Texte besonders schwermütig wirken.

Bewusste Spezifik
„Gerade als ich kurz vor der Fertigstellung schwere Songs wie ,Anyone‘ oder ,Get In My Way‘ hörte, merkte ich, dass die Tanzmomente fehlen. Dann noch ein paar Up-Tempo-Passagen draufzupacken war wirklich das einzige Kalkül auf diesem Werk - alles andere geschah komplett natürlich.“ In „Mara“, einem der Highlights auf dem versatilen Album, gibt er sogar Einblicke in eine buddhistische, Zen-philosophische Welt, die er direkt mit seiner eigenen Präsenz kombinierte. „Ich habe gelernt, dass negative Gedanken ein Teil von einem sind. Man darf sie nicht mit Zwang wegstoßen, sondern muss lernen, mit ihnen zu leben und richtig mit ihnen umzugehen.“ „Love, Death & Dancing“ ist persönlich und - im Gegensatz zum Debüt - bewusst spezifisch verfasst. „,Time‘ ist der wohl schwerste Song von mir, weil er sich direkt um mich und meine Angst vor dem Tod dreht. Ich glaube nicht, dass so eine Nummer für jemand anderen wirklich fassbar ist, aber sie musste einfach raus.“

„Love, Death & Dancing“ ist ein herausforderndes Pop-Album, das sich der Hörer mitunter erarbeiten muss. Trauma, Enttäuschungen, Depressionen und mentale Unsicherheiten prägen die textliche Ausrichtung, ohne dass am Ende nicht doch ein positiver und hoffnungsfroher Ausblick auf die Zukunft gegeben wird. Vor allem aber ist dieses Album ein Manifest eines im psychischen Nirgendwo Gestrandeten, der sich mit viel Geduld, Liebe und Unterstützung eines kleinen Kreises von Vertrauten aus seiner persönlichen Hölle gekämpft hat. In künstlerischer Hinsicht war der verfrühte Hype um Garratts Debütalbum vielleicht sogar doch ein Segen, denn nun scheint er sich tatsächlich gefunden zu haben. Bewusst und vorsätzlich mit dem Risiko im Hinterkopf, dass nicht alle Leute so einfach zu ihm finden werden…

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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