20.04.2020 11:03 |

Alltag mit Maske

Bitte Abstand: Die Macht der (neuen) Gewohnheit

Schutzmasken, kein Händeschütteln, kein Bussi-Bussi mehr. Stattdessen Abstand, Vorsicht & Rücksicht. Wie schwer fällt es uns? Wie wird uns das verändern? Werden wir das Neue beibehalten?

Corona hat unser Leben auf den Kopf gestellt. Lieber Abstand halten und winken anstatt wie früher Hände schütteln oder umarmen. Keine Bussis und überall überhaupt nur mit Mundschutz Hände waschen, desinfizieren.

Nur mit Mühe gewöhnen wir uns an die neuen Vorschriften und Ratschläge, die wir neuerdings einhalten müssen. Vieles bleibt dennoch fremd. Unser Alltag hat sich komplett verändert. Verändert das alles auch uns? Auch nach der Krise? Weil wir es dann so gewohnt sind?

Und überhaupt: Wann wird etwas zur Gewohnheit, und wie lange dauert es, bis wir uns ändern? Das sei noch zu früh zu sagen, erklärt der deutsche Hirnforscher Damir del Monte der „Krone“. Denn eigentlich lassen sich vielfach automatisierte Kulturtechniken nicht so einfach abstellen. „Es sei denn, eine emotional stark aufgeladene Neubewertung verändert unser Bild.“ Ein „emotionales Label“, das negative Auswirkungen und das Gefährdungspotenzial in den Mittelpunkt rückt. Was ja durchaus bei Corona der Fall ist.

Doch es stimmt - wir wissen noch nicht, wie sich alles weiterentwickelt. Aber was wir sagen können: Wir ticken nicht alle gleich. Jenen, die schon vorher nicht viel von Wangenbussis hielten, fällt es nun klarerweise leichter, auf solche Begrüßungs- und Verabschiedungsrituale zu verzichten. Andere wiederum können sich nur schwer auf „Luftbussis“, Winken oder Nicken umstellen. Sind sie doch sehr berührungsaffin, weiß auch Gesundheitspsychologin Christa Schirl. Ihnen fehlt neben den sozialen, direkten Kontakten der Körperkontakt wie ein Schulterklopfen zwischendurch.

Das ständige Wiederholen macht Neues zur Routine
Es ist auch eine Sache der Mentalität: Begrüßten sich noch viele Franzosen bis vor Kurzem mit gleich drei Küsschen, ist das nun ein Ding der Unmöglichkeit. Zwischenzeitlich gelten sogar „neue“ Begrüßungsrituale, wie der Gruß mit dem Fuß oder Ellbogen, als überholt. Weil die zwei Meter Mindestabstand dabei nicht gewährleistet werden.

Aus einer britischen Studie weiß man: Drei Wochen Wiederholung von Neuem ist zu wenig, als dass es bereits verinnerlicht ist. Im Schnitt müsse man von 66 Tagen ausgehen, damit diese Verhaltensänderung zur Routine wird. Verhaltensänderungen benötigen einen starken Antrieb, eine Motivation.

Zum besseren Verständnis dafür muss man laut dem Hirnforscher del Monte zwischen bewussten Zielen und unbewussten Motiven unterscheiden: „Die unbewussten Motive sind eine Art Fingerabdruck der Persönlichkeit, eine Widerspiegelung unserer emotionalen Erfahrungsgeschichte. Ziele hingegen sind bewusste Handlungsantriebe, die sich an inneren wie auch an äußeren Faktoren orientieren können. Je mehr Übereinstimmung zwischen den bewussten Zielen einerseits und den unbewussten Bedürfnissen und Sehnsüchten andererseits besteht, desto größer ist die Motivation, das Ziel zu erreichen.“ Wie eben das Etablieren eines neuen Verhaltens. „Wir können zwar rational abwägen, jedoch nicht rational entscheiden. Entscheidungen sind stets emotional eingefärbt. Sie müssen mit unserem Selbst- und Weltbild übereinstimmen.“

Alte Gewohnheiten ändern ist schwieriger, als sich neue anzueignen. Und unsere Rituale , Manieren und Etikette - all das sind eben alte und lieb gewonnene Gewohnheiten. Doch auch das große Anliegen, Menschenleben zu retten. Und darum gewöhnen wir uns mit jedem Tag mehr daran.

Masken und Abstand vermitteln auch Schutz und Sicherheit. Ob bzw. wie sehr uns Corona verändern wird, hängt also nicht nur von der Dauer der Maßnahmen ab, sondern, wie vieles andere auch, vor allem von uns selbst. Leicht ist die Umstellung sicher nicht. Dafür ist unser Gehirn viel zu sehr an Routinen gewöhnt. Vor gar nicht allzu langer Zeit kannten wir solche Bilder nur aus Asien. Jetzt ist es auch unser Alltag.

Hirnforscher del Monte über neue Routinen
Die Etablierung einer Verhaltensänderung wird durch die Tatsache erschwert, dass unser Gehirn es liebt, Handlungen zu automatisieren, sprich Gewohnheiten auszubilden. Weil das eine sehr energieschonende Arbeitsweise darstellt, belohnt das Gehirn sie mit einem Wohlbefinden. Deshalb spricht man von „lieb gewordenen Fertigkeiten“. Organisiert werden diese Abläufe durch ein Gehirnareal in der Tiefe des Gehirns, den so genannten Basalganglien. Handlungen in diesem Modus gehen einher mit dem Empfinden von Sicherheit und Kompetenz.

Der Aufbau neuer Gewohnheiten benötigt eine sehr starke Belohnungserwartung hinsichtlich des Ergebnisses der Verhaltensänderung. Von der emotionalen „Wucht“ dieser Belohnungserwartung hängtes ab, wie schnell das neue Verhalten etabliert werden kann. Das kann recht zügig gehen, benötigt aber bis zur wirklichen neuronalen Verfestigung viele Durchgänge. So lange bleibt es instabil.

Susanne Zita, Kronen Zeitung

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