19.03.2020 06:25 |

Viele sind unterwegs

„Ältere Generation hat Angst vor Einsamkeit“

Trotz der klaren Worte der Regierung, unbesingt zu Hause zu bleiben, sind auffallend viele ältere Menschen, also genau die Risikogruppe, auf den Straßen und in den Geschäften zu sehen. Was die Gründe dafür sein könnten, haben wir die Grazer Psychologin und Psychotherapeutin Martina Hagenhofer gefragt.

Trotz Empfehlung, weitestgehend zu Hause zu bleiben, sind hauptsächlich ältere Menschen auf den Straßen und in den Geschäften? Haben sie keine Angst?
Dafür kann es mehrere Gründe geben. Bei älteren Personen kommt es häufig zu einer vermehrten Beschäftigung mit der Verwundbarkeit durch Leid und Krankheit. Hier kann der Mechanismus der Verdrängung eine wesentliche Rolle im Umgang mit den bestehenden Ängsten spielen.

Anderseits geben Gewohnheiten auch Sicherheit. Umso schwieriger ist es, diese gerade in unsicheren Zeiten abzulegen. In dieser Risikogruppe spielt auch die Angst vor Einsamkeit eine wesentliche Rolle. Die Angst vor Einsamkeit kann auch größer sein als die vor einem „unsichtbaren“ Feind.

Da viele in der angesprochenen Altersgruppe nicht einmal die sozialen Medien zum Kontaktaustausch nützen können, sind sie zu Hause viel isolierter als die jüngeren Generationen.

Liegt es vielleicht an der Kriegsvergangenheit, dass sich viele „eingesperrt“ fühlen und deshalb nicht zu Hause bleiben wollen?
Natürlich kann durch die jetzige Situation wieder vermehrt Erlebtes aus den Kriegsjahren bei dieser Generation aktiviert werden. Zusätzlich ist der Erhalt der Autonomie für diese Generation ein besonders wichtiges Thema und wird daher auch eine wesentliche Rolle spielen.

Reden sich vielleicht viele ihre Angst weg, indem sie behaupten, ohnehin ein paar Jahre unter der vermeintlichen Risikogruppe zu sein?
Gerade in unsicheren Zeiten versucht natürlich die Psyche Sicherheit herzustellen. Auch, wenn es sich hier nur um eine vermeintliche Sicherheit handelt.

Außerdem kann es auch eine Rolle spielen, dass man das Gefühl hat, sich weniger einschränken zu müssen, wenn man gerade noch nicht der Risikogruppe angehört.

Warum ist es grundsätzlich so schwer, sich an Verbote oder Empfehlungen zu halten, auch wenn die Einhaltung das eigene Leben retten kann?
Dies lässt sich besonders im Gesundheitsbereich häufig beobachten. Viele Empfehlungen in Bezug auf Ernährung, Bewegung, etc. werden zwar gehört, aber oft nicht umgesetzt. Die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung setzt sich hier oft gegenüber den langfristigen gesundheitsschädlichen Konsequenzen durch.

Gerade die ältere Generation möchte die Jahre, die sie noch hat, genießen und sich daher nicht mehr einschränken lassen. Sie sind der Ansicht, ohnehin bereits genug Verzicht in ihrem Leben erlebt zu haben.

Eva Stockner
Eva Stockner
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