27.01.2020 06:00 |

Neues Studioalbum

Eminem: Mit der Macht des verbalen Säbels

Er tat es schon wieder: Ohne Vorankündigung veröffentlichte Rap-Chef Eminem unlängst sein neues Studioalbum „Music To Be Murdered By“. Die mit allerlei Hitchcock-Referenzen angereicherte Platte sorgt mit so einigen pikanten Texten für vorschnelle Aufregung und spielt wieder jenen in die Hände, die der Kunst die Verfehlungen der Realität ankreiden wollen. Der 47-Jährige steht da drüber und ergeht sich 20 Songs lang in Gewaltfantasien.

Die Gegenwart kann manchmal ganz schön wehtun. Oder was halten Sie davon, dass 1990 gleich weit entfernt ist wie 2050? Dass selbst ein als unsterblich geltender Monty Python wie Terry Jones irgendwie einmal alles Irdische hinter sich lassen muss? Oder dass Eminems unübertroffenes Durchbruchsalbum „The Marshall Mathers LP“ im Mai seinen 20. Geburtstag feiert? Heute haben wir den Niedergang der Rap-Kultur? Stimmt das denn überhaupt? Der Trend zu autotunegeschwängerten Cloud-Rap-Nummern ist längst am Abklingen und in den englischsprachigen Ländern konzentrieren sich aufstrebende Youngsters wieder verstärkt auf Sozialkritik und gesellschafts- bzw. umweltpolitisch motivierte Themen, anstatt dem hierzulande populären Billigdrogenhedonismus mit einer Halbwertszeit von einem YouTube-Schminkvideo hinterher zu hecheln. Eminem ist auch nach 25 Jahren Karriere und zweieinhalb Jahre vor seinem 50er noch immer so etwas wie der Urvater des Rap. Das personifizierte Damoklesschwert, das auch bedrohlich über all jene hängt, die ihn als obsoletes Relikt der Vergangenheit bezeichnen. Das Inkludierte von Alt und Neu.

Verbaler Säbel
Als er vor gut einer Woche - wie schon beim 2018er Werk „Kamikaze“ - ohne Vorankündigung ein weiteres 20 Songs starkes Manifest in den Online-Orbit beförderte, war die Schnappatmung im Online-Bereich wieder besonders hoch. „Music To Be Murdered By“ als Albumtitel kann also auch 2020 noch für Aufregung sorgen. Alles gut. Die mannigfaltigen Gewaltfantasien des 47-Jährigen mögen auf Zartbesaitete sonders wuchtig einwirken, doch was wäre der millionenschwere Großmeister eines ganzen Genres, würde er sich in den Lyrics nur mit seinem hart erkämpften Wohlstand befassen? Schon im Intro „Premonition“ hört man Frauenschreie, Schaufelgeräusche, Messerstiche. Er beweist: Man muss nicht automatisch zum sandalentragenden Strandstreuner in Sportshorts werden, nur weil man sich nach einer Horror-Kindheit mit dem verbalen Säbel an die Weltspitze gefochten hat. Unangepasst, gefährlich und vor allem angepisst ist Eminem noch immer, auch wenn die Authentizität aufgrund seines unbestreitbar gediegenen Lebensstils darunter leidet.

Der Generation kurze Aufmerksamkeitsspanne muss man die Provokation heute möglichst rasch und unmissverständlich vermitteln. Das gelingt Eminem bei drei Songs besonders gut. Einerseits auf „Unaccomodating“, wo er übersetzt die Zeilen „ich denke darüber nach, während des Spiels ‘lasst die Bomben los‘ zu schreien, als würde ich draußen vor einem Ariana-Grande-Konzert warten“ rappt und damit nicht nur die Fans der Pop-Diva, sondern auch den Bürgermeister von Manchester in Aufruhr brachte. Auf „Those Kinda Nights“ amüsiert er sich über die #MeToo-Bewegung und sinniert in verklärter Nostalgie darüber, wie er einst mit seinem D12-Kollektiv in den Straßen von Detroit Mädels aufgerissen hat. Der Sexismus-Vorwurf bekommt durch die generische Gaststimme von Ed Sheeran einen besonders interessanten Beigeschmack, schließlich ist der dauerlächelnde Songwriter weltweit Everybodys’s Darling. Wirklich pikant wird es dann beim musikalisch klar besten Track „Darkness“, den Eminem aus der Perspektive des „Las-Vegas-Shooters“ rappt, der 2017 aus einem Hotelfenster heraus 58 Besucher eines Country-Festivals erschoss. Dass im dazugehörigen Video die laschen Waffengesetze der USA kritisiert werden, ging in der ersten Empörungswelle völlig unter.

Die ewige Frage
Natürlich darf die Frage gestellt werden, wie viel Provokation und Pietätlosigkeit im künstlerischen Bereich allgemein und im Rap speziell erlaubt sind, doch trotz der gewohnt harschen Wortwahl, kompromisslosen Themenfindung und teilweise brutalen Zeilenaneinanderreihung ist es Eminem ein Anliegen, möglichst objektiv beurteilt zu werden. Gerade in der zweiten Albumhälfte gibt das Dargebotene auch klanglich endlich Gas und versteckt sich nicht mehr hinter angestaubten Belanglosigkeiten. Etwa bei seiner Vendetta-Hymne „Stepdad“, die außerhalb der humorzersetzenden Political-Correctness-Kaste durchaus mit ironischem Augenzwinkern betrachtet werden darf. Was hinter der vordergründigen Provokation allzu gerne vergessen wird, ist das immerwährende Talent des Altmeisters. Wenn er in „Godzilla“ 229 Wörter im 30-Sekunden-Double-Time-Stakkato rausprügelt, ist das einerseits natürlich radikale Angeberei, andererseits aber ein würdiger Beweis für die konstant hohe Qualität des Künstlers. Dabei geht fast unter, dass er mit Juice WRLD (im Dezember 2019 tragisch verstorben) einen jener Jungrapper als Gast engagiert hat, die er auf den letzten Alben noch so neidvoll disste.

Zumindest in dieser Hinsicht wirkt Eminem heute versöhnlich. Vom alternden Grantscherm zum aggressiven Gewaltpolterer in wenigen Alben. Schlussendlich kann jeder selbst entscheiden, wer welche Rolle präferiert. Es ist dennoch nicht von der Hand zu weisen, dass er in seinen „Slim Shady“-Alter-Ego-Jahren etwas mehr Esprit und auch Ironie in die Texte verpackte. „Music To Be Murdered By“ - übrigens im Titel und auch beim Cover-Artwork eine 1:1-Anlehnung an das 1958er Werk seines geliebten Alfred Hitchcock - hinkt aber vor allem an seiner Überlänge und der Unausgegorenheit mancher Tracks. Eminem versucht bewusst, an die großen alten Tage anzuknüpfen, vielleicht sogar das eingangs erwähnte Jubiläum seines immer noch besten und wichtigsten Werkes zu streifen. Das kann ihm aber schon allein aufgrund der veränderten Lebensumstände nicht gelingen. Aus einem Drogenwrack mit Familienproblemen und leerer Geldbörse wurde ein cleaner Multimillionär, zu dem selbst die goscherten Jung-Rapper neidvoll hochblicken.

Steter Einzelkämpfer
Eminem gefällt sich in der Rolle des Einzelkämpfers. Er tut dies in vollem Bewusstsein und mit fast schon manischer Besessenheit. „Music To Be Murdered By“ wird langjährige Fans zufriedenstellen, weil es alle Facetten seines Könnens abdeckt. Eminem ist hart, wenn er wütend wird. Belehrend, wenn ihm etwas wichtig ist. Graziler, wenn er kurz davorsteht, zu weit zu gehen und routiniert, wenn er es sich in seinem textlichen Nest gemütlich macht und einfach das loslässt, was ihm gegenwärtig in die Quere zu kommen scheint. Hierzulande muss sich ein Krösus wie er in den Charts zudem mit Konkurrenz herumschlagen, die es vor 20 Jahren noch nicht einmal gab. Etwa dem wirklich gelungenen Posthum-Album von Mac Miller oder dem kommerziell enorm erfolgreichen Deutsch-Rap der Porno-YouTuberin Katja Krasavice. Tja - aber immer noch besser als die rauen Straßen Detroits…

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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