Ignoriertes Dinamo-Ass

Ex-ÖFB-Youngster Emir Dilaver sagt JA zu Bosnien!

Er hatte mit Zweifeln zu kämpfen und war von Zweiflern umgeben, bei der Austria schien er nicht für „die Erste“ gemacht und seine spätere Entwicklung in Ungarn sowie in Polen wurde eher ignoriert als geschätzt - harte Arbeit, Professionalität, Ehrgeiz und der Glaube an sich selbst haben aus Emir Dilaver trotzdem einen Spitzenverteidiger gemacht, der aktuell gerade Dinamo Zagreb in der Champions League antritt! Bei einem Treffen in Zagreb plauderte der 28-Jährige mit sportkrone.at über die immense Bedeutung von Dinamo für den gesamten Balkan, die Parallelen zwischen der 2013er-Austria und dem 2019er-Team von Dinamo, die Leiden seines Herzensklubs Austria und wieso er als Ex-21-Teamspieler Österreichs in Zukunft für Bosnien Herzegowina spielen will!

krone.at: Geboren in Tomislavgrad, benannt nach dem ersten König der Kroaten, und nun Spieler bei Dinamo Zagreb, in der Hauptstadt der Kroaten - hat da bei Emir Dilaver, auch wenn er ein Bosnier ist, zusammengefunden, was zusammengehört?
Emir Dilaver:(lacht) Ja, anscheinend! Es gibt viele Kroaten bei uns in Tomislavgrad, und wir haben natürlich auch sehr viele Dinamo-Fans dort. Deswegen ist es für mich auch etwas Besonderes, dass ich jetzt hier spiele - ich habe wirklich sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viele Fans dort unten. Als ich zuletzt in Tomislavgrad war, bin ich viel in Schulen unterwegs gewesen und habe viel mit Kindern unternommen. Die sind wirklich alle begeistert vom Klub und von mir. Ja, wie du gesagt hast… (lacht)… Dinamo Zagreb und ich, das passt!

krone.at: Wie lebt es sich hier in Zagreb für den in Bosnien geborenen, in Wien aufgewachsenen und zwischendurch im ungarischen Budapest sowie im polnischen Posen engagierten Dinamo-Kicker-Dilaver?
Dilaver:(lacht) Es lebt sich ziemlich gut! Die Mentalität ist mir ja bekannt, da ich gebürtig nicht weit von hier herkomme, bosnische Wurzeln habe und so erzogen worden bin, wie man auch hier lebt. Deswegen ist mir das Leben hier nicht so fremd. Durch mein Aufwachsen in Österreich, in Wien, kommt vielleicht auch noch die Professionalität dazu - die wurde bei der Austria bzw. generell in Österreich sehr gefördert. Ja, der Mix aus Mentalität von hier und Disziplin von Österreich passt sehr gut…

krone.at: Dinamo ist seit 2005 nur zwei Mal NICHT Meister geworden. Auch im Europacup spielt man meistens „brav“ mit. Wenn einen so ein Klub verpflichten will, sagt man wohl nicht so schnell nein, oder?
Dilaver: Dinamo ist einer der vier, fünf stärksten Klubs auf dem Balkan, würde ich sagen. Da gibt‘s Partizan und Roter Stern in Serbien, dann dazu Željezničar und FK Sarajevo in Bosnien und hier in Kroatien hast du halt Dinamo und Hajduk Split. Aber wie gesagt, Dinamo ist GANZ weit oben, am ehesten noch mit Zvezda...

krone.at: …also Roter Stern Belgrad…
Dilaver: ...genau, mit Roter Stern unter den Top-2. Deswegen sag ich ja: Riesenstellenwert hier auf dem Balkan! Dinamo ist auch die „Talenteschmiede“ des Balkans, wir haben sehr viele junge Spieler in den Nationalteams. Wenn man sieht, wie viele aus dem Nachwuchs von Dinamo für Kroatiens Teams auflaufen, das ist sensationell.

krone.at: Nicht nur Dinamo steht für Erfolg, auch Emir Dilaver steht dafür: Mit der Austria warst Du Meister in Österreich, mit Ferencvaros auch Champion sowie dreimal in Serie Cupsieger in Ungarn - und zuletzt kam noch die kroatische Meisterschaft mit Dinamo dazu. Was steckt hinter dieser Story des Titel-Sammelns?
Dilaver:(lacht) Na ja, das waren gute Klubs, ich habe auch gute Mitspieler gehabt. Es liegt also nicht nur an mir. Aber ich glaube, ein bisschen was kann ich sicher auch dazugeben zu dem Ganzen. Jeder, der mich kennt, weiß, was ich für ein Spieler bin, wie ich meine Mitspieler anheize, auch wie ich Professionalität und Ehrgeiz lebe. Und das verlange ich auch von jedem meiner Mitspieler. Das Wichtigste ist, nicht auf sich fokussiert zu sein, sondern sehr, sehr, sehr fokussiert auf die Mannschaft zu sein.

krone.at: Nenad Bjelica als Coach und Du als Verteidiger, diese Kombi gab’s schon 2013/14 bei der Austria und 2017/18 bei Lech Posen in Polen. Wie kommt’s, dass ihr euch immer wieder findet? Warum steht er auf Dich?
Dilaver: Die Chemie passt einfach! (lacht) Nein, ich weiß nicht. Nach unserem ersten Aufeinandertreffen bei der Austria war‘s bei Lech Posen dann noch eher ein Zufall. Ein Scout hat mich empfohlen und der Coach hat „Ja“ gesagt - so bin ich zu Lech gekommen. In Ungarn hatte ich noch als rechter Verteidiger gespielt, Nenad Bjelica hat mich dann als Innenverteidiger eingesetzt - und das hat ihm anscheinend so gut gefallen, dass ich dann fast jedes Match auf der Innenverteidiger-Position gespielt habe. Als der Coach dann von Lech weggegangen ist, hätte ich zwar noch drei Jahre Vertrag in Polen gehabt - aber ich wollte unbedingt weiter mit ihm arbeiten, weil eben die Chemie passt und mit ihm alles professionell ist!

krone.at: Was zeichnet diesen Nenad Bjelica aus? Was macht er anders als andere Trainer?
Dilaver: Es ist einfach diese Professionalität, dieser Ehrgeiz, diese Siegermentalität, die ihn auszeichnet - und dass er sich menschlich wirklich in die Spieler hineinversetzen kann, jeden zum Maximum antreiben kann.

krone.at: Lass uns eine kleine Zeitreise machen, zurück ins Jahr 2013: Nach einem 2:0 bei Dinamo und einem 2:3 im Rückspiel steht die Austria in der Champions League! Damals mit dabei: Nenad Bjelica als Coach sowie Marin Leovac und Du als Spieler. Jetzt seid ihr in Zagreb wieder vereint - und wieder in der Champions League.
Dilaver:(lacht) Nicht zu vergessen Martin Mayer und René Poms, die waren auch noch dabei…

krone.at: Als Konditionstrainer und als Co-Trainer…
Dilaver: Genau! Ich muss sagen, die haben genug Anteil an dem Ganzen, das wird leider viel zu oft unterschätzt!

krone.at: Aber es ist schon noch einmal eine eigene Geschichte, dass sechs Jahre nach der Champions-League-Quali mit der Austria Coach Bjelica, Marin und Du wieder vereint seid…
Dilaver:(lacht) Natürlich, und ich find‘s richtig cool, weil so oft hast du solche coole Geschichten auch nicht im Fußball! Es freut mich sehr für jeden, der damals dabei war und jetzt wieder ist, wirklich sensationell! Da hat man etwas fürs Leben, eine Geschichte, an die man sich nachher erinnern kann.

krone.at: Dinamo Zagreb hat bei den jüngsten vier Teilnahmen an der Champions League in 24 Partien bei nur jweils 1 Sieg und 1 Remis satte 22 Pleiten eingefahren - was darf man heuer erwarten?
Dilaver: Auch in der Europa League waren sie nicht erfolgreich - und letztes Jahr haben wir‘s dann bis ins Achtelfinale geschafft! Klar, die Champions League ist noch einmal etwas ganz Eigenes, jeder von uns weiß, was da für eine Qualität drinnen steckt. Das sind die besten Mannschaften Europas. Gegen Manchester City wird‘s natürlich schwieriger - aber gegen Atalanta oder Shakhtar sehe ich gute Chancen! Ich bin sehr zuversichtlich, ich glaube an meine Mannschaft und an meine Kollegen, an den ganzen Klub!

krone.at: Wenden wir uns kurz der Austria zu: Seit dem Meistertitel 2013 unter Peter Stöger scheint bei Violett der Wurm drinnen zu sein. Wie beurteilst Du von außen das Geschehen rund um die Austria?
Dilaver: Natürlich tut‘s mir leid für den Klub, da ich dort groß geworden bin. Aber es ist nicht so leicht, auch wegen der finanziellen Belastungen durch den Stadionausbau - da auch noch sportlich einiges zu machen, zu investieren. Der Fußball wird immer teurer, die Spieler wollen natürlich auch immer besser bezahlt werden. Ich glaube, da muss man mehr in den Nachwuchs schauen - was jetzt aber auch gemacht wird. Ich glaube, wie man das jetzt anpackt, ist es gar nicht so schlecht.

krone.at: Zum Abschluss nochmal einmal etwas ganz anderes: In Bosnien wurde vor ein paar Monaten bereits thematisiert, dass Du in Zukunft für Bosnien-Herzegowina spielen könntest. Wie schaut’s da konkret aus damit - ungeachtet dessen, dass Teamchef Robert Prosinecki, der das forciert hat, seinen Rücktritt verkündet hat…
Dilaver: Verkündet, ja - aber er hat‘s doch nicht gemacht. Er hat letztlich nicht den leichtesten Weg mit dem Rücktritt genommen, er will die Mannschaft nicht im Stich lassen. Das rechne ich ihm sehr hoch an - es wäre natürlich sehr schwierig für die Jungs, wenn durch einen Trainerwechsel wieder alles neu wird. Und ja, bei mir schaut‘s so aus, dass sich Bosnien bei mir gemeldet hat - auch über den früheren Teamkapitän von Bosnien, Emir Spahić. Ich habe inzwischen in Österreich einen Antrag auf Doppelstaatsbürgerschaft eingereicht. Natürlich habe ich sehr, sehr viele Sachen zusammenbringen müssen - da habe ich einiges an Hilfe von der Austria bekommen, dafür bin ich ihnen sehr dankbar! Ich würde gerne fürs Nationalteam von Bosnien spielen - da sich Österreich wirklich gar nicht gemeldet hat bei mir, nie, nie einen Hauch von Interesse gezeigt hat...

krone.at: Obwohl Du bis zum U21-Team immer in den ÖFB-Nachwuchsnationalmannschaften gespielt hast…
Dilaver: Genau! Und wenn sich das jetzt so ergibt, dass ich die Möglichkeit mit Bosniens Nationalteam habe, dann würde ich das sehr gerne machen. Das wäre natürlich auch der nächste Schritt für mich, etwas Schönes, wieder eine neue Erfahrung. Bosnien ist ja auch meine Heimat - natürlich gemeinsam mit Österreich! Wenn man zwei Heimaten hat, ist das ja auch schön (lacht)

Hannes Maierhofer (in Zagreb)

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