14.12.2018 19:01 |

Hans Kammerlander:

„Es muss auch Platz für die Fehler geben“

Beim Versuch, den Manaslu (8163 m) zu besteigen, starben 1991 zwei Freunde des Südtiroler Extrembergsteigers Hans Kammerlander. 2017 kehrte der Südtiroler mit einem Filmteam zum Manaslu zurück, um die Ereignisse von damals aufzuarbeiten. Der Gipfelsieg blieb ihm abermals verwehrt. Der Kinofilm „Manaslu - Berg der Seelen“ (Start 14. Dezember) zeichnet eine ungeschönte Biografie des Südtiroler Extrembergsteigers. Im „Krone“-Interview bilanziert er über sein Leben. 

Wie hast Du Dich bei der Rückkehr zum Manaslu gefühlt?
Ich habe mich wohl gefühlt. Allerdings hätte ich damals gleich wieder zurückkommen sollen. Es ist viel besser, wenn du nach vorne gehst. Ein Thema auslöschen, indem man den Kopf in den Sand steckt, ist genau falsch. Leider wussten wir bald, dass wir den Gipfel wegen des vielen Neuschnees nicht angehen brauchen – das war wie Watte. Aber das bedeutet nicht, dass ich nicht noch einmal ohne Filmteam hinkomme und den Gipfel versuche – rein für mich persönlich.

Streng genommen warst Du auf 12 Achttausendern, denn auf dem Shishapangma standest du „nur“ auf dem Mittelgipfel.
Ich sah einen Pickel und Gebetsfahnen. Für mich bedeutete das: Das ist der Gipfel! Aber das stört mich jetzt nicht. Zahlen aufstellen halte ich für langweilig. Mich interessieren auch nicht die Seven Summits – die sind mir zu überlaufen. Ich habe dafür als erster die Seven Second Summits bestiegen – die sind schwieriger und schöner. Und wir konnten sie erleben, ohne in einen Verkehrsstrom von Bergsteigern zu geraten.

Schonungslos offen

Dein Kinofilm „Manaslu“ beeindruckt neben den großartigen Bildern durch fast schonungslose Offenheit. Der von Dir verschuldete Verkehrsunfall, bei dem 2013 ein junger Mensch starb, wird ebenfalls thematisiert. In Deinem Heimatort bist Du an den Pranger gestellt worden. Wie bist Du damit umgegangen? 
Der Unfall war ein großer Fehler. Mit 1,4 Promille Alkohol im Blut darf man nicht mehr Auto fahren. Wenn ich nach einer monatelangen Expedition, wo man extrem konsequent sein muss und keinen Fehler machen darf, nach Hause komme, tue ich mich schwer, mich an das Schablonenleben mit allen Vorschriften anzupassen und bin oft sehr blauäugig. Doch unabhängig davon haben mich die vielfach anonymen Anfeindungen in den sozialen Netzwerken sehr gestört. Wenn jemand kritisiert, muss er sich outen, dann habe ich großen Respekt davor. Leider handelte es sich bei den Kritikern im Netz meistens um Leute, die besser einmal selbst in den Spiegel schauen sollten. Ich habe so viele Jahre als Bergretter Leute ins Tal gebracht, die heute nicht mehr leben würden, das wird alles vergessen – auch mein soziales Engagement in Nepal. Das trifft mich sehr hart. Ich würde mit meiner Meinung sehr vorsichtig sein, wenn jemandem so etwas passiert.

Was half Dir?
Natürlich die Berge. Und die Leute, die gezielt herkamen, die vorher zurückhaltend gewesen sind, die ich unterschätzt habe. Ich durchlebte freilich eine ganz schwere Zeit. Jedenfalls wollte ich das Thema im Film haben. Denn meine Fehler müssen darin genauso Platz finden wie die Erfolge. Ich wollte nie auf eine Bühne, nur die Erfolge runterleiern. Du musst schon auch erzählen, wo du deppert warst, alles vergeigt hast. Wir sind normale Menschen. Das gelang uns. Wenn etwas nicht glatt ausgeht im Privaten, gibt es keine bessere Medizin, als den Weg nach vorne.

Wie ehrgeizig bist du noch?
Nicht mehr so wie früher, als ich im Wettlauf drin gewesen bin. Jetzt, mit 62, gestalte ich meine Expeditionen anders. Ich sehe nicht nur den Berg, sondern überdies alles rundherum wie Landschaft und Kultur. Früher nahm ich ein gigantisches Risiko in Kauf. Von all meinen Kollegen der 8000er-Expeditionen leben heute lediglich noch drei.

Hast Du eigentlich einen Lieblingsberg?
Ja, den Peitlerkofel in den Dolomiten. Als Kind dachte ich immer, dort endet die Welt. Mein Bruder hat mich dann einmal mitgenommen, um mit mir die 600 Meter hohe Wand zu durchsteigen. Dieser Klettertag war mein intensivster überhaupt im Leben und voll mit unglaublichen Glücksgefühlen. Egal, ob ich heute am Fuß des Peitlerkofels bin oder in der Wand – das bringt mich in die Kindheit zurück.

Du trittst zurückhaltend, fast demütig auf. Anders als Reinhold Messner. 
Eventuell resultiert das aus der Jugendzeit, aber wohl auch von den vielen Reisen nach Nepal. Reinhold war ein großer Lehrmeister für mich am Berg. Im Tal sind wir jedoch ganz verschieden. Ich muss nicht zu allem meine Meinung sagen. Die Filme von Messner finde ich gut, jedoch vermisse ich Selbstkritik.

Welche Ziele hast Du noch? 
Ein aktuelles Projekt sind die Matterhörner dieser Welt – Berge, die so ausschauen wie das Matterhorn. Mir fehlt unter anderem noch ein Gipfel in China. Allerdings weiß ich nicht, ob ich die Genehmigung dafür bekomme, weil ich mich im Zusammenhang mit Tibet negativ gegenüber China geäußert habe. Ich bekam Einreiseverbot. Generell will ich künftig Gipfelglück erleben – das ist etwas anderes als ein Gipfelerfolg. Und ich möchte meiner 10-jährigen Tochter die Natur Südtirols näherbringen.

Peter Freiberger
Peter Freiberger
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