05.11.2018 10:25 |

„Ansturm wie noch nie“

Rund 200 Menschen gehen pro Woche in Privatkonkurs

Mehr als 10.000 Menschen in Österreich haben im ersten Jahr des neuen Privatkonkurses Insolvenz angemeldet. Im Zeitraum von 1. November 2017 bis 31. Oktober 2018 beantragten somit pro Woche rund 195 Menschen Privatkonkurs, zieht der Alpenländische Kreditorenverband (AKV) Bilanz. Für die nächsten Monate rechnen die Gläubigerschützer mit einer Abflachung des Anstiegs.

„Der neue Privatkonkurs hat einen noch nie da gewesenen Ansturm auf die Privatkonkursgerichte gebracht“, so AKV-Geschäftsführer Hans Musser zur APA. In den ersten zwölf Monaten mit den neuen Regeln haben die Privatkonkurse gegenüber dem Vergleichszeitraum laut AKV um die Hälfte (knapp 53 Prozent) zugenommen. Seit dem heurigen Jänner beträgt das Plus sogar fast 60 Prozent.

Schritt in Privatinsolvenz geht einfacher
Der Ansturm ist darauf zurückzuführen, dass neue Personengruppen den Schritt in die Privatinsolvenz einfacher gehen können. Nach dem Entfall der zehnprozentigen Mindestquote nehmen vermehrt einkommensschwache Schuldner mit relativ geringen Verbindlichkeiten und vormalige Unternehmer mit sehr hohen Verbindlichkeiten aus ihrer gescheiterten Selbstständigkeit das neue Insolvenzrecht in Anspruch.

Die hohen Schulden der früheren Unternehmer haben dazu geführt, dass sich die Gesamtpassiva zuletzt mehr als verdoppelt haben. Die Gesamtverbindlichkeiten liegen bei 1,6 Milliarden Euro. „Das ist ein in der Vergangenheit noch nie erreichter Wert“, so Musser. In den ersten zehn Monaten heuer betragen die Gesamtpassiva der österreichweit eröffneten Privatkonkurse gut 1,4 Milliarden Euro. Davon entfallen gut 1,1 Milliarden auf männliche Schuldner, so die Gläubigerschützer.

Rund 167.000 Euro durchschnittliche Verschuldung
Die durchschnittliche Verschuldung der Menschen im Privatkonkurs hat sich von rund 112.000 auf rund 167.000 Euro erhöht. Bei den Männern - auf die knapp zwei Drittel der Verfahren entfallen - sind es durchschnittlich sogar fast 208.000 Euro.

Zahlungsplan als primäres Entschuldungsinstrument
Von den ganz genau 10.114 Verfahren sind bereits 5814 abgeschlossen, so der AKV. Gut zwei Drittel der abgeschlossenen Verfahren (3907) endeten mit einem Zahlungsplan. Trotz der neuen rechtlichen Möglichkeit eines nullprozentigen Zahlungsplans bieten fast alle Schuldner mit nicht pfändbarem Einkommen dennoch Zahlungspläne mit Quoten an, sodass der Nullprozent-Plan Theorie geblieben ist. „Auch im Rahmen der neuen Rechtslage zeichnet sich ab, dass der Zahlungsplan das primäre Entschuldungsinstrumentarium bleiben wird“, sagt Musser. Weiterhin bieten in fast allen Verfahren Schuldner im Rahmen eines vorgelagerten Zahlungsplans den Gläubigern eine Quote an, die auch bei einem nicht pfändbaren Einkommen zumindest den monatlichen Treuhändervergütungen in einem möglichen Abschöpfungsverfahren entsprechen, weil diese bei Ablehnung des Zahlungsplans jedenfalls zu entrichten wären.

Lehnt ein Gläubiger einen Zahlungsplan ab, kommt es zu einem auf fünf Jahre verkürzten Abschöpfungsverfahren, in dem ein Treuhänder die pfändbaren Bezugsteile einhebt und an die Gläubiger verteilt. Wenn keine Obliegenheitsverletzungen geschehen, ist der Schuldner nach Ablauf der fünf Jahre in der Regel von seiner Restschuld befreit.

Ein Drittel der Privatkonkurse in Wien
Rund ein Drittel der Privatkonkurse in den vergangenen zwölf Monaten werden in Wien abgewickelt. Den höchsten relativen Zuwachs von 150 Prozent gab es im Burgenland. In Salzburg gab es mit knapp 25 Prozent den geringsten relativen Zuwachs.

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