Mo, 12. November 2018

Interview & neues Werk

05.09.2018 07:00

Ian Fisher: Ambivalente Liebe zu Wien

Zum zehnjährigen Europa-Jubiläum beschenkt der deklarierte Wien-Fan Ian Fisher sich und seine Fans mit dem neuen Studioalbum „Idle Hands“. Im ausführlichen Gespräch macht sich der Singer/Songwriter vor allem Gedanken über den globalen Rechtsruck und die Verrohung unter den Menschen. Zudem erläutert er seine besondere Beziehung zu Wien und hält ein flammendes Plädoyer auf ein Europa der Menschlichkeit und ohne Grenzen.

Der Terminus „Koffer“ erfreut sich in Österreich mannigfaltiger Beliebtheit. Man kann a) damit verreisen, b) jemanden, den man nicht unbedingt gerne mag darauf aufmerksam machen, dass er ein solcher wäre und c) einen stehen lassen, was zuallermeist mit einer intensiven Geruchsbelästigung einhergeht. Der im beschaulichen Missouri geborene Singer/Songwriter Ian Fisher hatte vor zwei Jahren gar ein ganzes Album danach benannt und sich im titelspendenden Song als jemand deklariert, dem Nationalitäten, Grenzen oder geografische Kastenbildungen sprichwörtlich am Arsch vorbeigehen. Vor fast genau zehn Jahren kam er das erste Mal nach Europa, probierte diverse Orte aus und wurde schlussendlich dort glücklich, wo die Ambivalenz fröhliche Urständ feiert: Wien. Die Stadt, die außerhalb so gut wie jeder als lebenswerteste der Welt bezeichnet, innerhalb als gerne verächtlich als „Chicago Europas“ betrachtet wird.

Epizentrum der Coolness
„Ich habe eine seltsame Liebesgeschichte mit Wien aufgebaut“, erzählt Fisher bei einem Cappuccino im Interview mit der „Krone“, „natürlich gibt es viele Dinge, die mir hier nicht gefallen, aber trotzdem hat mich diese Stadt in ihren Bann gezogen. Ich habe absolut keinen logischen Grund hier zu sein, komme aber immer wieder gerne zurück.“ In seiner Heimat St. Louis hat Fisher in jüngeren Jahren Politik und Deutsch studiert, Wien faszinierte ihn aber auch aufgrund der musikalischen Historie. “In den frühen 90er-Jahren war die Stadt mit Kruder & Dorfmeister das Epizentrum der Coolness - von Falco will ich erst gar nicht reden. Der hat ja die Neue Deutsche Welle und den Austropop bis heute nachhaltig geprägt. Mit Bilderbuch und Wanda schauen aber auch jetzt viele Deutsche neidisch auf Österreichs Musikkultur. In den USA spiele ich Bekannten gerne Musik aus Österreich vor und zumeist sind sie davon ziemlich beeindruckt.“

Fisher selbst hat sich nicht nur für sein aktuelles, bereits 13. Studioalbum “Idle Hands“ von der Melancholie der Stadt mittragen lassen, sondern fühlt sich seit jeher im Wienerlied geborgen. Wolfgang Ambros, Helmut Qualitinger und André Heller sind nur wenige Beispiele von Künstlern, die ihn tief im Inneren zu berühren wussten. Der heute so oft missbrauchte Begriff von Heimat lässt sich für den Weltenbürger aber nicht so einfach definieren. “Heimat ist eine Akkumulation aus persönlichen Kontakten, Freunden, Familie, Liebhabern und Geschichten, die eine Stadt anbietet. Da ich so polit- und geschichtsinteressiert bin, habe ich mir schon immer Gedanken darüber gemacht, welche Geschichte hinter jeder Straße in Wien steckt. Heimat ist per se aber etwas Gutes für mich. Sie ist nicht zwingend geografisch konnotiert, aber wenn ich eine Stadt wählen müsste, wäre es zweifellos Wien.“ Nur um nach einer kurzen Nachdenkpause ernsthaft nachzuschicken: “Selbst dann, wenn mich diese verdammte FPÖ irgendwann aus dem Land werfen sollte.“

Sorgen der Zukunft
Das Politische findet sich heute immer seltener in Fishers Songs, im gehe es mehr um Erlebnisse und Erfahrungen aus dem eigenen Leben. Etwa im Titelsong „Idle Hands“, der sich um das Ende einer Beziehung dreht und dessen wahren Sinn der Autor erst während des Schreibprozesses richtig erfasste. „Sehr oft kommen beim Songschreiben unterbewusste Gedankengänge zum Vorschein. Diese Nummer ist sehr persönlich, entspricht aber trotzdem dem Zeitgeist der westlichen Welt. Es geht um das Gefühl, zurückgelassen zu werden und in eine ungewisse Zukunft zu schauen. Um die Ruhelosigkeit in einer absurd wirkenden Situation.“ Da ist er wieder, der altgediente Politinteressierte, der doch nicht aus seiner Haut kann. „Meiner Meinung nach liegt es an zwei Dingen, dass die Welt derzeit nach rechts rückt. Einerseits unsere Unsicherheit der eigenen Zukunft gegenüber, andererseits ist es die Schwelle zu einer neuen Form von Wirtschaft, die durch das Internet fundamental verändert wird.“

Er stößt sich an der modernen Form des Kapitalismus, daran, dass einem gesagt wird, mit harter Arbeit könnte man wirklich noch etwas erreichen, während die Strippenzieher der Oberklasse lachend den im Hamsterrad lachenden Arbeiter beobachten. “Diese Aussicht auf etwas, das nicht passieren wird, das prägt sich in den Köpfen der Menschen ein. Viele sehen dann lieber ein ganzes System zusammenbrechen, bevor sie auf Protektionismus verzichten. Es gibt keine Konsumwelt ohne Gier und selbst in einer Stadt wie Wien, die bekanntermaßen alle Statistiken für den höchsten Lebensstandard der Welt gewinnt, bist du mit der Situation konfrontiert, dass man eigentlich alles hat, aber immer noch mehr will. Wir dürfen das den Menschen aber nicht übelnehmen, denn hier wird man ein Leben lang in diese Richtung erzogen - es ist einfach nie genug.“

Grenzen aufbrechen
Dass es sich von einer privilegierten Position heraus leichter urteilen lässt, das streitet Fisher nicht ab. “Als heterosexueller, christlicher weißer Mann aus den USA bin ich natürlich in der Gruppe von Menschen, denen es kaum besser gehen könnte. Außerdem habe ich einen US-Reisepass und eine deutsche Visa - all das ist wie das verdammte goldene Ticket. Im Prinzip versuche ich aber nur, ein paar politische Gedanken gegen den Mainstream zu steuern. Auf politischer Ebene bin ich der Überzeugung, dass Nationen nicht existieren sollten. All diese Grenzen sind heute abstrakte Konzepte - eine Gruppenidentität sollte aufgebrochen werden und sich nicht in Nation, Geschlecht oder Rasse unterscheiden.“ Im Song “If I Could Buy“ macht sich Fisher Gedanken über die Quellen von Sexismus und warum es in unserer Gesellschaft gang und gäbe ist, Menschen zu objektivieren. Als pessimistisches Werk sieht er “Idle Hands“ trotz all der prekären Themen aber nicht.

Mehr als je zuvor hat sich Fisher auf seinem neuen Werk vom Nimbus des Country-Musikers lösen können. Auch wenn seine Beziehung dazu heute entspannt ist. “Der Zeitpunkt, als ich vor zehn Jahren nach Wien kam war der, wo ich Country plötzlich mochte. Bis dorthin verband ich den Klang immer mit Republikanern, auf einem anderen Kontinent konnte ich die Bedeutung von der Musik lösen. Es war mir möglich, eine eigenen Patchwork-Identität zu erschaffen, wo ich mir einfach das Beste herauszog und alles andere wegließ.“ Mehr als die Hälfte des Albums schrieb Fisher in Wien, musikalisch wurde das meiste aber von seiner Band auf Tour in Italien komponiert. Nach rund 1500 geschriebenen Songs ist der Musiker im Endeffekt aber doch ein Heimatloser - wenn auch im positiven Sinne. “In den USA glauben die meisten, ich wäre Europäer. Ich habe einen lustigen Akzent, kleide und verhalte mich anders als die meisten Amerikaner.“ Doch nur diese geografische Undefinierbarkeit macht es möglich, dass sich “Idle Hands“ von sämtlichen Fesseln und Normen befreit. Ein Album ohne Grenzen.

Livekonzerte
Live zu sehen ist Ian Fisher mit den neuen Songs und vielen weiteren Stücken am 19. Oktober im Haus der Musik in Wien, am 25. Oktober in Grimmentennen in Wattens und am 27. Oktober im Spielboden Dornbirn. Alle Karten und weitere Infos finden Sie unter www.ianfishersongs.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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