Fr, 19. Oktober 2018

Buchrezension

07.07.2018 07:00

Liebeserklärung an den spröden Prog Rock

Endlich - für die vielen Fans des Progressive Rock gibt es nun Dank Journalist und Fan David Weigel endlich die passende Lektüre. Mit viel Humor und großem Detailreichtum nähert er sich in „Progressive Rock - Pomp, Bombast und Tausend Takte“ einer zu Unrecht als unattraktiv verschrieenen Subsparte, die sich nach einem Hoch in den 70er-Jahren und dem tiefen Fall danach längst eine fixe Nische erarbeiten konnte.

Unattraktiv, nerdig, detailverliebt, uncharmant oder kühl berechnend sind nur einige der Begriffe, mit der die große, weite Welt des Progressive Rock seit seinem Entstehen Ende der 60er-Jahre leben muss. Die Konzentration auf 7/8-Takte und ausschweifende Klangelegien ließ den Prog Rock zum hässlichen Stiefkind seiner Eltern werden. Galten die Beatles als charmante Womanizer und die Rolling Stones als die bösen Teufel, Led Zeppelin als personifizierte Ejakulate und The Who als interessante, aber ungehobelte Raubeine des Rock, firmieren Prog-Künstler seit jeher in der gefürchteten „Friendzone“. In inneren Kreisen galt es immer schon als Sensation, wenn ein bekennender Prog-Fan Kontakt mit dem anderen Geschlecht pflegte. Ja, sich vielleicht sogar in einer erfüllenden Beziehung befand!

Spröde Romantiker
Und fürwahr: Wer, aus welcher Generation er auch sein möge, in den letzten vier Dekaden bei einem Konzert von King Crimson, Yes, Rush oder Dream Theater anwesend war, musste die holde Weiblichkeit mit der Lupe suchen. Der Prog Rock besteht eben nicht aus dem explosiven Bühnencharisma eines Robert Plant, sondern aus der kühlen Berechnung von Robert Fripp. Er hat nichts gemein mit dem schmolllippigen Sex-Appeal eines Mick Jagger, sondern frickelt sich lieber durch die Skalen wie John Petrucci. Man könnte mit Fug und Recht behaupten, dass der Prog Rock ein großes Missverständnis der Populärmusik sei. Schließlich verwehren sich auch viele seiner wichtigsten Protagonisten, ihn namentlich anzuerkennen. Doch hinter der spröden Fassade und dem biederen Äußeren befinden sich nicht nur Mathematiker der Musik, sondern Klangkünstler mit einem besonderen Sinn für das Erhabene und Experimentelle. Und lernen wir nicht spätestens in der Hochschule, dass die wilden Rocker eher was für eine Nacht, die klugen Analytiker aber Männer fürs Leben sind? Eben!

Mit dem Nimbus der Unattraktivität will auch Genre-Experte und Autor David Weigel in seinem neuen Buch „Progressive Rock - Pomp, Bombast und Tausend Takte“ aufräumen. Als Mitarbeiter renommierter Medien wie der „Washington Post“, dem „Rolling Stone“ oder dem „Esquire“ hatte Weigel einen jahrzehntelangen Einblick in die technischste aller Rocksubsparten, ließ sich für sein knapp 300 Seiten starkes Projekt noch einmal in die Urzeiten der Musik zurückschießen, nur um in der Gegenwart wieder aufzutauchen. Auf der langen Reise dazwischen sammelte er Zitate aus legendären Interviews, führte selbst zahlreiche Gespräche mit Schlüsselfiguren der Szene und beging vor allem nicht den Fehler, sich der Thematik so trocken und kalkuliert zu nähern, wie sie sich selbst oft ausstrahlt. Sein Streifzug durch die Geschichte beginnt auf einer Prog-Kreuzfahrt in der Gegenwart und gibt einen augenzwinkernden Einblick in eine Welt, in der sich Vorurteile manchmal auch bestätigen.

Kreativ und extrem
Dass progressive Musik auch „cool“ sein kann, bewies in längst vergangenen Zeiten schon Komponist Franz Liszt, dem die Herzen der Frauen zu Füßen lagen. Von dort aus hangelt sich der Autor in die Gegenwart. Peace & Love, Niedergang der Hippies und der Unschuld und das Aufkommen sperriger Klänge. Detailliert schildert Weigel die inzestuösen Verstrickungen zwischen King Crimson, Yes und Emerson, Lake & Palmer, gibt einen exakten Einblick in die kreative Extreme und das divenhafte Gehabe der Protagonisten, verzettelt sich bei so manch einzelner Songbeschreibung aber zu sehr ins Spezielle. Das Interesse und die Profession am Thema sind aber zu keiner Zeile anzuzweifeln, schließlich hat hier ein kundiger Fan für vielleicht noch kundigere Fans geschrieben - und das bislang viel zu selten behandelte Gebiet möglichst breit und umfassend beackert. Vornehmlich konzentriert sich Weigel auf die Kommerzialisierung und Flächenwirksamkeit in den 70ern, beleuchtet dann aber auch den Niedergang durch Punk und New Wave in den dekadenten 80ern bis hin zur Gegenwart, in der Prog Rock zwischen Nostalgie und spannendem Neubeginn wandelt.

So erfährt der Leser nicht nur, warum Milliardär Richard Branson ohne eine von Hammer und Schlegel malträtierte Röhrenglocke niemals zu seinem Ruhm gekommen wäre, sondern auch welche Egodramen sich hinter den Kulissen abspielten und wie sich bekannte Kultmusiker wie Robert Fripp, Rick Wakeman, Greg Lake oder Neil Peart immer wieder aus unterschiedlichsten Gründen in die Nesseln setzten. Fans werden sich vor allem über den Detailreichtum der einzelnen Geschichten freuen, der garantiert für jeden interessierten Langzeitfan noch neue Facetten ins Licht bringt. Das größte Kompliment gebührt Weigel aber gewiss für die Tatsache, dass er ein tatsächlich sehr trockenes und nicht einfaches Thema durchaus spannend und humorig anzubringen weiß. Auch wenn ein Abriss über eine ganze Geschichte auf so kurzer Strecke etwas überambitioniert ist, werden selbst „bloße Interessierte“ ihre Freude an dem Werk haben. Wie cool der Prog Rock nun eigentlich, kann sich nun jeder selbst beantworten.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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