Mo, 18. Juni 2018

„Krone“ vor Ort

16.02.2018 13:51

Bringt berittene Polizei mehr Sicherheit in Wien?

Bringt eine berittene Einheit in einer Stadt wie Wien mehr Sicherheit? Das war die zentrale Frage, der Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) bei der Inspektion der Münchner Pferdestaffel auf den Grund gehen wollte.

Aufsitzen! Hobby-Triathlet Kickl lässt es sich beim Lokalaugenschein nicht nehmen, sich selbst in den Sattel eines der 41 Münchner Polizeipferde zu schwingen. Um gleichsam vom hohen Ross einen realen Überblick über die Sicherheitsdebatte rund um die Rösser zu erlangen: Seit 120 Jahren hat die bayrische Reiterstaffel Erfahrung mit den vierbeinigen Kameraden. München, gleich groß wie Wien und mit ähnlichen Einsatzaufgaben, bietet beste Voraussetzungen für einen Vergleich. "Das Wichtigste beim berittenen Dienst ist der Nahkontakt, die Bürgernähe zum Menschen", so Polizeioberrat Peter Hartwich. Und: "Pferde sind auch dort einsetzbar, wo keine Autos mehr fahren können, und sie dienen vor allem zur Deeskalation." Konkret hat sich gezeigt, dass die erhabene Position den Polizisten Weitblick eröffnet.

800-Kilo-Tier wirkt respekteinflößend
"Keinesfalls geht es darum, etwa bei Demonstrationen gegen Menschen anzureiten", so der Pferdeexperte. Berittenes brutales Vorgehen ist ein absolutes "No-Go". Allein die Präsenz der bulligen mehr als 800 Kilogramm schweren Kameraden auf vier Hufen sorgt für Respekt. Und beim Anblick von "Hercules", einem Münchner Wallach mit einem Stockmaß (Sattelhöhe) von 1,86 Metern, wird auch dem "Krone"-Reporter - selbst Hobbyreiter - ein wenig mulmig.

Wegen dieser respekteinflößenden Wirkung werden Reiterstaffeln oft bei Großereignissen wie Fußballmatches oder im Umfeld des Oktoberfests eingesetzt. Dank der unübersehbaren Mächtigkeit von einem Dutzend Rössern gelingt es sogar, rivalisierende Fangruppen oder Hooligans auseinanderzuhalten. "Die Pferde in der Mitte wirken gleichsam beruhigend ...", schmunzelt eine Polizistin.

Guter Ausblick wirkt präventiv
"Und wo setzen Sie Ihre Reiter noch ein?", will Minister Kickl wissen. "Natürlich in Grünbereichen wie im Englischen Garten, bei der Suche nach Vermissten im unwegsamen Gelände. Aber auch im innerstädtischen Bereich, wenn nach flüchtigen Tätern gefahndet wird", so die Antwort. Wobei Pferde-Patrouillen nicht nur ein Gefühl der Sicherheit vermitteln: Polizisten werden zu Ansprechpartnern. Gleichzeitig wirkt der Ausblick über die Zäune in die Gärten der Vorstadtsiedlungen hinein durchaus präventiv. Sprich, wo Reiter kontrollieren, sind die Einbruchszahlen zurückgegangen. Kurzum: In vergleichbaren Wiener Siedlungen in der Donaustadt oder in Floridsdorf könnten sich ähnliche Erfolge einstellen.

Wilde Verfolgungsritte über Stock und Stein wie im Western sind natürlich ausgeschlossen. Polizeireiter sind dennoch keine Schönwetter-Reiter, sondern sitzen bei Minusgraden ebenso im Sattel wie bei 30 Grad Hitze. Dass die "Kavallerie" mit Fußtruppen zusammenarbeitet, versteht sich von selbst. Und als dann im Blitzlichtgewitter der Fotografen das ministerielle Polizeipferd "Karlo" in der Halle kurz durchgeht und zwei Galoppsätze nach vorne springt, pariert Kickl den Ausritt bravourös. "Man darf nur die Zügel nicht aus der Hand geben", scherzt er - und schwingt sich wie Django vom Pferd. Nächstes Jahr wird dann in Wien geritten.

Hauptkommissar Andreas Freundorfer von der Pferdestaffel München im "Krone"-Interview:

"Krone": Wie erfolgt die Ausbildung der Polizeipferde?
Andreas Freundorfer: Durch Situationstraining: Mit optischen, akustischen und haptischen Reizen werden die Tiere auf kritische Situationen vorbereitet. Mit Plastikbällen oder Planen wird ihnen stressfreier Umgang mit Berührungen beigebracht.

Was antworten Sie Tierschützern, die von Quälerei sprechen?
Wenn es allen Freizeitpferden so gut wie unseren Rössern gehen würde, wäre die Welt gerechter. Tiere, Stallungen etc. werden regelmäßig von externen, unabhängigen Tierärzten untersucht.

Wie schätzen Sie die Leistung eines Polizeipferdes ein?
Zehn Pferde entsprechen einer Hundertschaft an Polizisten. Beim Objektschutz reichen oft zwei berittene Polizisten statt eines Zuges von 30 Uniformierten.

Wie erfolgt der Einsatz bei Demonstrationen und weshalb der Schlagstock am Sattel?
Der hat nur den Sinn, um sich und das Pferd schützen zu können, falls jemand in die Zügel zur Kandare greift, um das Tier umzuwerfen. Unsere Polizisten schlagen nie und nimmer auf Demonstranten ein. Das ist rechtlich strikt verboten, da bei einem Schlag von oben immer der Kopf getroffen werden würde.

Daten & Fakten

  1. Der Ankauf eines Pferdes schlägt sich mit rund 7000 Euro zu Buche.
  2. Durchschnittlich wird ein Tier zwischen fünf und 20 Jahre verwendet.
  3. Kosten für Heu, Stroh und Hafer werden mit rund 400 Euro pro Monat berechnet.
  4. München setzt "bayerische Warmblutpferde" ein, die zuvor auf ihre Charaktereigenschaften und Nervenstärke getestet werden. Reiter sind normal ausgerüstet, führen Pistolen sowie einen Sicherheitsstock mit und steigen natürlich auch ab, um etwa bei Notfällen zu helfen.
  5. Pro Tag steht ein Pferd etwa drei bis maximal fünf Stunden im Einsatz. In München sind 50 Prozent der Polizeireiter Frauen.
  6. Die Bezahlung ist nicht anders als im normalen Dienst. Allerdings steht die Reiterstaffel oft am Wochenende (Großveranstaltungen) im Einsatz.
  7. In Wien soll 2019 mit zwölf Pferden der Probebetrieb aufgenommen werden, um zu klären, wann, wo und wie eine Reiterstaffel sinnvoll eingesetzt werden kann.

Christoph Matzl, Kronen Zeitung

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