Ganz überraschend kam das Weltrekord-Double nicht. Denn die 200 Meter sind eigentlich die Lieblingsstrecke von Bolt. Dabei hatten viele Experten ob seiner Körpergröße bezweifelt, ob er auch in der Kurve seine volle Power ausspielen könne. Er kann. Bolt hat den Sprint mit seinen 1,96 Metern revolutioniert. Die Zeit der gedrungenen Muskelpakete, die die 100 und 200 m in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten dominiert haben, scheint vorbei. Bolt ist schlaksig, läuft dennoch stilistisch perfekt - und ist ein großer Entertainer, ein Segen für die nach zahlreichen Dopingskandalen angeschlagene Leichtathletik.
Kein Nachlassen wie über 100 Meter
Mit seinem überschwänglichen Jubel auf den letzten 20 Metern hatte sich Bolt über 100 Meter noch darum gebracht, in eine neue zeitliche Sphäre vorzustoßen. Anstelle der 9,69 wäre sogar eine Zeit um 9,60 möglich gewesen, wollen Wissenschaftler errechnet haben. Über 200 Meter aber zog der stets entspannt wirkende Jamaikaner voll durch - im Wissen um die magische Marke von Johnson. Sie sollte fallen. "Ich kann es nicht erklären", gestand Bolt. "Vor den Olympischen Spielen habe ich von diesen Marken noch nicht einmal geträumt."
Völlig entspannt noch kurz vor dem Start
Druck scheint der neue Superstar tatsächlich nicht zu kennen. Nach seiner 100-Meter-Show hatte auch das Finale über 200 m in Peking einen wahren Hype ausgelöst. Bolt blieb locker, sprach nur davon, sein schnellstes Rennen laufen und Olympiasieger werden zu wollen. Durch die Vorläufe war die Gold-Bank mit nahezu aufreizender Lässigkeit spaziert. Noch wenige Minuten vor dem Endlauf schlenderte Bolt im "Vogelnest"-Stadion mit seinem Rucksack umher und blödelte mit seinen Betreuern.
Holt sich Bolt auch in der Staffel Gold?
Um einen Spaß ist der Shooting-Star nie verlegen. Das hatte er schon mit einem Tänzchen nach seinem 100-Meter-Triumph, den er mit offenem Schuhband realisiert hatte, bewiesen. "Man sollte sich und das, was man tut, nie zu ernst nehmen", begründete Bolt seine Lockerheit. "Sonst macht das Leben keinen Spaß." Noch mehr Spaß will der dann 22-Jährige am Freitag nach dem Finale über 4 x 100 m mit seinen Staffelkollegen haben. Dreifacher Olympiasieger will er dann sein. "Davon habe ich immer geträumt - Olympiasiege und Weltrekorde."
Turbulenzen um Silber und Bronze
Die hat er trotz großer Müdigkeit geholt, doch auch so reichte es zu einer Gala-Vorstellung. Silber und Bronze gingen in 19,96 bzw. 19,98 Sekunden an die US-Amerikaner Shawn Crawford und Walter Dix. Diesem Podium waren allerdings zwei Disqualifikationen vorangegangen. Sowohl der ursprüngliche Zweite Churandy Martina von den Niederländischen Antillen (19,82) als auch der Dritte Wallace Spearmon aus den USA (19,95) wurden wegen Betretens der Begrenzungslinie disqualifiziert. Auf die Bestrafung von Spearmon hatte das US-Team mit einem später erfolgreichen Protest gegen Martina reagiert.
Ex-Weltmeister: "Er ist kein Mensch"
Klare Worte für die Überlegenheit des neuen Superstars fand Ex-Weltmeister Kim Collins, der in 20,59 Sekunden Siebenter wurde. "Er ist kein Mensch. Er ist nicht von dieser Welt. Er ist wie eine Halluzination", sagte der 32-Jährige, der 2003 in Paris sensationell 100-Meter-Gold für St. Kitts & Nevis geholt hatte. "Wenn du hinter ihm läufst, dabei alles gibst und trotzdem nicht den Funken einer Chance hast, dann ist das schon demoralisierend. Nicht einmal Michael Johnson hat sich so mit der Konkurrenz gespielt."
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