Foto: Andreas Tröster

Lanzinger: "Tod meines Vaters war schmerzvoller"

03.03.2013, 09:59
Am 2. März 2008 stürzte er so schwer, dass ihm der linke Unterschenkel amputiert werden musste. Zum fünften Jahrestag lässt Behinderten-Skistar Matthias Lanzinger (32) im Interview mit Conny Bischofberger schöne und dunkle Momente Revue passieren.

Für das Gespräch am Samstagvormittag hat er sich in sein Büro zuhause, am Stadtrand von Salzburg, zurückgezogen. Im Hintergrund läuft die Abfahrt in Kvitfjell, wo er vor fünf Jahren beim Super- G verunglückt ist. Ab und zu schweift sein Blick in den Garten, auf die Rosensträuche und Obstbäume, zu den ersten Sonnenstrahlen. "Ich kann kaum glauben, dass es schon so lange her ist. Die Zeit ist irrsinnig schnell vergangen, so als hätte sich nur der Sekundenzeiger bewegt."

Hier gibt es Audio- Ausschnitte vom Interview mit Matthias Lanzinger: Clip 1 , Clip 2 , Clip 3 .

Am 2. März 2008 hat Matthias Lanzinger (32) bei einem schweren Sturz seinen linken Unterschenkel verloren. Aber er hat seither auch viel gewonnen. Nicht nur Medaillen im Behindertensport.

"Krone": Mit welchem Gefühl sind Sie heute morgen aufgewacht?
Matthias Lanzinger: Mit einem sehr schönen... Weil ich endlich wieder einmal zuhause, in meinem eigenen Bett, neben meiner Frau, aufgewacht bin. Die Laura (Lanzingers Tochter, Anm.) hat sich auch noch zu uns gekuschelt. Aber mir war natürlich bewusst, welcher Tag heute ist.

"Krone": Kommen da die Erinnerungen zurück?
Lanzinger: Ja, aber diese Erinnerungen sind für meine Frau viel schwerer als für mich. Die Ärzte haben ihr damals gesagt, dass ich sie wahrscheinlich nicht mehr erkennen werde, wenn ich aus dem Koma aufwache, weil sie mit bleibenden Gehirnschäden gerechnet haben. Mein Unterschenkel wurde ja zwei Tage nicht richtig versorgt, weshalb sich abgestorbenes Gewebe im ganzen Körper verteilt hat und es schließlich zu einem Multiorganversagen gekommen ist.

"Krone": Und woran erinnern Sie sich?
Lanzinger: Vor dem Unfall an alles. Es fühlte sich wie ein guter Lauf an. Dann knallte ich gegen das Tor. Ab da sehe ich in meiner Erinnerung alles nur noch sehr vernebelt. Den ersten klaren Eindruck hatte ich wieder, als ich ein paar Tage darauf aus dem Koma aufgewacht bin. Ich sah die glänzenden Augen meiner Frau. Meine Beine waren beide taub. Mein erster Gedanke war: Du bist querschnittgelähmt!

"Krone": Was waren Ihre ersten Worte?
Lanzinger: Ich hab' Eva (Lanzingers Frau, Anm.) gefragt, ob ich den Rest meines Lebens im Rollstuhl verbringen muss. Sie weinte und sagte: Nein, aber sie mussten dir deinen Unterschenkel amputieren. Da war ich fast erleichtert.

"Krone": Haben die Ärzte in Norwegen gepfuscht?
Lanzinger: Ich sage es einmal so - wenn mir das in Kitzbühel beim Super- G passiert wäre, dann wäre die Chance viel, viel höher gewesen, dass mein Unterschenkel gerettet werden hätte können.

"Krone": Haben Sie geklagt?
Lanzinger: Eine norwegische Kommission untersucht den Fall. Es gibt drei Gutachten, die bestätigen, dass es Ärztefehler gegeben hat, aber leider Gottes noch kein Ergebnis. Das Krankenhaus sagt, bei mir wäre es mit dem Skisport eh vorbei gewesen, deshalb sei es egal, ob der Unterschenkel amputiert worden sei oder nicht. So ist ungefähr die Haltung von denen.

"Krone": Macht Sie das nicht zornig?
Lanzinger: Nein. Meine Frau und ich versuchen, die positiven Dinge zu sehen, die in den letzten fünf Jahren passiert sind. Wir sind sehr, sehr dankbar für das Leben, das wir jetzt führen dürfen.

"Krone": War die Prothese, die Sie heute tragen, anfangs nicht ein Fremdkörper?
Lanzinger: Genau gesagt besitze ich vier Prothesen. Eine fürs Skifahren, eine für den Sport, eine für den Alltag und eine für den Sommer, wenn ich kurze Hosen trage. Ich habe die Prothese von Anfang an als Teil von mir gesehen, fast wie einen Begleiter. Einfach weil meine Lebensqualität mit der Prothese steht und fällt.

"Krone": Gibt es die sogenannten Phantomschmerzen wirklich?
Lanzinger: Oh ja. Einige Wochen nach dem Unfall sind sie bei mir plötzlich gekommen. Die Ärzte haben mich dann gut eingestellt, Gott sei Dank. Denn Phantomschmerzen machen dich irgendwann psychisch mürbe. Mit normalen Schmerzen kann ich leben.

"Krone": Was hat Ihnen am meisten Kraft gegeben?
Lanzinger: Meine Frau, meine Familie und mein Umfeld. Weil sie mein Schicksal akzeptiert haben - was für Außenstehende viel schwerer ist als für den Betroffenen selbst -, konnte ich mich auf meine Genesung konzentrieren und musste niemanden stützen. Ich glaube aber auch an eine höhere Macht, die mir das alles auferlegt hat. Ein Anderer wäre daran vielleicht zerbrochen. Ich konnte es tragen. Deshalb habe ich das Packerl umgehängt gekriegt.

"Krone": Wie erklären Sie dieses Schicksal einmal Ihrer kleinen Tochter?
Lanzinger: Die Laura wächst ja damit auf. Sie liebt es, an der Prothese herumzudrücken, das ist für sie ganz normal. Wahrscheinlich glaubt sie, alle Väter hätten eine Prothese. (lacht) Wenn wir im Freibad sind, kommen oft Kinder her und fragen mich, was ich da habe und warum. Die Eltern sagen dann immer: "Das fragt man nicht!" Das ist falsch. Die Neugier dieser Kinder und ihre Ehrlichkeit sind etwas sehr Berührendes.

"Krone": Verfolgen Sie den Mordfall Pistorius eigentlich mit besonderem Interesse?
Lanzinger: Ja, weil es für den gesamten Paralympics- Sport tragisch ist, dass sein einstiger Held unter Mordverdacht steht. Egal, wie die Sache ausgeht.

"Krone": Sie mischen im Behindertensport wieder ganz vorne mit. Wie klingt das Wort "Behinderte" für Sie?
Lanzinger: Ich habe kein Problem damit. Ich bin ja tatsächlich in gewissen Dingen eingeschränkt. Vor allem, wenn der Stumpf entzündet ist und die Prothese schmerzt, so wie letzten Sommer. Das war ein großer Dämpfer. Da wurde mir das erste Mal bewusst, dass ich wirklich behindert bin.

"Krone": Was sind Ihre nächsten Ziele?
Lanzinger: Ich möchte im Gesamtweltcup ganz vorne mitmischen, vielleicht sogar gewinnen. Für das nächste Jahr heißt mein großes Ziel, eine Goldmedaille von den Paralympics in Sotschi nach Hause zu bringen.

"Krone": Herr Lanzinger, dreieinhalb Jahre vor Ihrem Unfall ist Ihr Vater auf dramatische Weise ums Leben gekommen. Denken Sie oft an ihn?
Lanzinger: Der Tod meines Vaters vor meinem ersten Weltcuprennen 2004 war für mich viel, viel schmerzvoller als mein eigener Unfall. Mein Vater war Maurer und hat mit seinen eigenen Händen, mit harter Arbeit, Fleiß und Ehrlichkeit, viel geschaffen. Diesen Ehrgeiz rufe ich mir oft in Erinnerung. Er ist bis heute mein größtes Vorbild.

"Krone": Am 8. März ist Weltfrauentag. Eine Frage, die sonst immer Frauen gestellt wird, möchte ich Ihnen stellen: Wie vereinbaren Sie Beruf und Familie?
Lanzinger: Als Vater einer 18 Monate alten Tochter versuche ich, meine Frau in allen Belangen bestmöglich zu unterstützen. Im Haushalt mitzuhelfen ist deshalb eine absolute Selbstverständlichkeit für mich. Natürlich bin ich als Sportler sehr viel unterwegs, aber wenn ich zuhause bin, dann verbringe ich die Zeit wirklich mit meiner Frau und meiner Tochter. Ich halte das für ein ganz großes Privileg, die Rahmenbedingungen zu haben, die diese Vereinbarkeit möglich machen.

Sein Unfall

Beim Super- G in Kvitfjell, Norwegen, stürzt der 1980 in Abtenau geborene Skifahrer am 2. März 2008 so schwer, dass ihm der linke Unterschenkel amputiert werden muss. Dreieinhalb Jahre später gibt er sein Comeback mit Prothese bekannt. Bei der Behinderten- WM in Spanien holt er Kombi- Gold. Matthias Lanzinger ist mit Eva verheiratet, die bei ihm war, als er vor fünf Jahren aus dem Koma erwachte. Das Paar lebt mit Tochter Laura (18 Monate) am Stadtrand von Salzburg.

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Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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