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11.12.2016 - 02:19
Hannes Führinger ist wieder zu Hause und mit seiner Ehefrau Lisa vereint.
Foto: AFP/PATRICK KOVARIK, ANDI SCHIEL / Video: Andi Schiel/krone.tv

Hannes F.: "Habe gedacht, ich muss dort sterben!"

15.10.2016, 08:13

1805 Tage lang war der Burgenländer Hannes Führinger in der ägyptischen Hauptstadt Kairo inhaftiert. Gegenüber der "Krone" spricht er nun über seinen Prozess "im Namen Allahs" und über seine Qualen im Gefängnis.

Jetzt sitzen Hannes und Lisa Führinger in ihrem Haus im Burgenland, am Küchentisch. Sie halten Zettel in den Händen, lesen einander vor. Worte, die sie einst selbst zu Papier gebracht haben. Es geht um Liebe, um Sehnsucht, um Hoffnungen und Angst. Hunderte Briefe hat das Ehepaar einander geschrieben, in den vergangenen fünf Jahren. Seit dem 2. November 2011 - als der Mann in Ägypten inhaftiert wurde.

Hannes Führinger zeigt seine Gefängniskleidung.
Foto: Andi Schiel

"Richter und Staatsanwalt wirkten wie Geistesgestörte"

Der damals 32- jährige Inhaber einer Security- Firma wollte dort einen vermeintlichen Routineauftrag ausführen: "Ich sollte wieder einmal ein Schiff bewachen", erzählt er. Vier Gewehre befanden sich in seinem Gepäck, verzollt auf dem Flughafen Wien- Schwechat. Doch bei der Ankunft in Kairo wurde er wegen Verdachts des Waffenschmuggels festgenommen - und in der Folge zu siebeneinhalb Jahren Kerker verurteilt.

Hannes F.s Zelle in Kairo
Foto: Andi Schiel

Der Prozess: absurd. "Sämtliche Beweise, die eindeutig meine Schuldlosigkeit belegten, wurden dabei nicht anerkannt", so Hannes Führinger. "Der Richter und der Staatsanwalt wirkten wie Geistesgestörte. Sie sprachen dauernd über eine böse Macht, die mich hierher geschickt hätte; darüber, dass nur Allah mich stoppen konnte - und über ihren göttlichen Auftrag, mich, den Ungläubigen, hart zu bestrafen."

Die Strafe war hart: 1805 Tage, eingesperrt im Al- Qanater- Gefängnis, in einer 16- Quadratmeter- Zelle, mit 19 anderen Männern. Im Sommer in brütender Hitze, im Winter in Eiseskälte. Das Essen ungenießbar, das Wasser verseucht. Oft Wochen hindurch ohne Strom. "Und ich sah Mitinsassen neben mir sterben. So viele."

Seine ersten Tage in Freiheit verbrachte Hannes Führinger mit seiner Frau zu Hause.
Foto: Andi Schiel

"Aufgeben war nie eine Option"

Gab es Momente, in denen er spürte: Ich kann nicht mehr? "Aufgeben war nie eine Option für mich. Wenn es mir psychisch schlecht ging, dachte ich an meinen Opa, der im Zweiten Weltkrieg schreckliche Dinge überlebt hatte. Und an meine Familie, die mich braucht", so Führinger. Und wie hat seine Frau Lisa diese schwere Zeit überstanden? "Ich begann, an Depressionen zu leiden. Letztlich so sehr, dass ich es nicht mehr zuwege brachte, meinen Beruf auszuüben", erklärt sie.

Besonders in den ersten Jahren der Gefangenschaft sei die Situation "grauenhaft" gewesen. "Telefonate waren kaum möglich. Post kam mit großer Verzögerung." Treffen im Al- Qanater fanden nur selten statt, wegen der hohen Reisekosten. "Aber Anfang 2015 verbesserte sich einiges", so Lisa Führinger.

Hannes Führinger - ein Ex- Bundesheer- Bediensteter, früher lange im Kosovo und in Afghanistan stationiert, geschult in Nachrichtentechnik - schaffte es, eine Playstation- Konsole zu einem kleinen Computer umzubauen und ein Facebook- Profil anzulegen. "Von da an chatteten Lisa und ich täglich miteinander", sagt er. "Wir wussten dann also immer, wie es dem anderen gerade ging."

Anwältin Astrid Wagner, Gattin Lisa und Stieftochter Leonie erwarteten den 36-Jährigen am Flughafen.
Foto: Andi Schiel

"Ich glaubte, sterben zu müssen"

Der gesundheitliche Zustand des Burgenländers verschlechterte sich in Haft allerdings immer weiter: "Irgendwann hatte ich nicht bloß Lungenentzündungen, Lebensmittelvergiftungen und Infektionen. Plötzlich fingen auch diese Herzprobleme an." Schmerzen in der Brust, Atemnot. Panikattacken? "Manchmal glaubte ich, sterben zu müssen."

Sein fürchterlichstes Erlebnis in der Gefangenschaft? "Als ich 2014 vom Tod meines Vaters erfuhr und nicht wusste, wohin mit meiner Trauer." Gab es auch irgendetwas Positives? "Die tiefe Freundschaft zu einem Zellengenossen." Sergej, einem Russen. Sein Delikt? "Er hatte während eines Ägypten- Urlaubs einen Joint geraucht." Urteil: 15 Jahre.

Welche Erinnerungen sind noch besonders stark in ihm? "Das Empfinden, dass hinter Gittern Sekunden zu Stunden werden. Erst langsam lernte ich, Zeit zu verkürzen." Indem er "an die 1000 Krimis und Biografien las" - in englischer Sprache, hinterlassen von ausländischen Häftlingen oder in die Anstalt gebracht von evangelischen Seelsorgern.

Arbeit an Buch "war meine Therapie"

"Und außerdem schrieb ich ein Buch. Über mein Dasein in der Hölle. Ich bewahrte die Hefte wie einen Schatz unter meiner Matratze auf. Vor ein paar Monaten trat ich dann per Internet mit einem österreichischen Verlag in Kontakt."

Das Tagebuch aus der Haft
Foto: Andi Schiel

Hannes Führingers "Al Qanater - fünf Jahre im Gefängnis von Kairo" kommt am 22. Oktober in den Handel: "Die Arbeit daran war meine Therapie." Seine Zukunftspläne? "Wenn ich körperlich wieder voll fit bin, will ich abermals in der Sicherheitsbranche Fuß fassen." Und sonst? "Werde ich alles Menschenmögliche tun, damit mein guter Freund Sergej - genauso wie ich - nicht seine ganze Strafe absitzen muss."

15.10.2016, 08:13
Martina Prewein, Kronen Zeitung/red
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