Mi, 13. Dezember 2017

Geiselnahme von 1973

14.10.2017 09:02

KP-Regime in Prag half arabischen Terroristen

Im September 1973 brachten zwei palästinensische Geiselnehmer im Grenzbahnhof Marchegg drei jüdische Emigranten und den österreichischen Zollwachebeamten Franz Bobits in ihre Gewalt, indem sie sie unter Androhung von Waffengewalt aus einem aus der Sowjetunion eingetroffenen Zug holten. Jetzt sagen Archive: Der Überfall des arabischen Kommandos geschah mit Hilfe des tschechoslowakischen Geheimdienstes.

Am 28. September 1973 verlässt der Zug Nr. 2590 Pressburg (Bratislava) in Richtung Wien. Bestandteil der Zuggarnitur ist ein Schlafwagen aus Moskau, in dem sowjetische Juden reisen, die eine Genehmigung zur Auswanderung nach Israel hatten. Es handelte sich um ganze Familien, einschließlich der ältesten Familienmitglieder, die nach Israel fuhren, um dort zu sterben.

Nach einigen Minuten hält der Zug in Devínské Nové Vsi, der letzten Station vor dem "eisernen Vorhang". Hier erfolgte die übliche sehr strenge Pass- und Zollkontrolle unter militärischer Aufsicht.

Täter waren ab Pressburg im Zug ihrer Opfer
Nach gründlicher Untersuchung, bei der nichts Verdächtiges festgestellt wurde, überquert der Zug die March und hält in der ersten Eisenbahnstation Marchegg. Als Erste kamen österreichische Zöllner in den Zug.

Und plötzlich hörte man den österreichischen Zöllner Weleba schreien. Aus dem sowjetischen Waggon wurde ein Kalaschnikow-Lauf herausgeschoben. Nach zwanzig Minuten verließen den Zug zwei arabisch aussehende Männer, bewaffnet mit Maschinengewehren, Granaten und Pistolen.

Jüdische Mutter mit Kind mit dem Tod bedroht
Sie führten fünf russische Juden als Geiseln mit sich, unter ihnen auch eine Frau mit einem vierjährigen Kind im Arm, ein Araber hielt ihr den Lauf an die Schläfe. Das Kommando verschanzte sich mit den Geiseln in einem Eisenbahnbüro, aus dem es als Warnung immer wieder Schüsse abfeuerte.

Nach Marchegg kamen Angehörige der Sicherheitskräfte, und es begannen dreizehn Stunden dauernde Verhandlungen, die als "Schönauer Ultimatum" in die Geschichte eingingen. Der Hintergrund war bis vor Kurzem noch unklar. Nach den neu entdeckten Archivdokumenten spielte dabei der tschechoslowakische Geheimdienst eine wesentliche Rolle. Die tschechoslowakische Seite wusste im Voraus von der Aktion. In Prag trafen am 31. August 1973 auf dem Luftweg die Terroristen mit libanesischen Pässen auf die Namen Mustafa Akil Soueidan und Cheikh Khaldi ein.

Zusammen mit tschechoslowakischen Agenten reisten sie nach Pressburg, wo sie im Hotel Carlton die Zeit verbrachten. Danach fuhren sie auf mehrere Tage nach Ostdeutschland. Hier trafen sie sich mit Mitgliedern der örtlichen palästinensischen Zellen, die ihnen Informationen über die Vorbereitung des eigentlichen Angriffs übergaben.

Am 8. September, nach der Rückkehr nach Pressburg, versuchte die tschechoslowakische Seite, um sich formal zu decken, die Terroristen als unerwünschte Personen nach Österreich auszuweisen. Die Österreicher lehnten das aber ab, denn sie ahnten schon zu der Zeit, dass vonseiten der Palästinenser Aktivitäten gegen die Juden aus der Sowjetunion geplant werden.

Tschechoslowakischer Geheimdienst wusste Bescheid
Über die Aktion selbst wusste die tschechoslowakische Seite ein halbes Jahr vorher Bescheid, wie aus den Dokumenten hervorgeht. Die Waffen brachte der Diplomat eines arabischen Staates in den Zug, dessen Gepäck bei der üblichen Grenzkontrolle nicht geöffnet werden durfte. Dieser Diplomat fuhr anschließend nach Wien.

Parallel spielte sich bei der Aktion ein weiteres Drama ab. Prag hatte anschließend aus Moskau von General Oleg Kalugin erfahren, dass unter den Geiseln zwei hohe Offiziere des sowjetischen Geheimdienstes sind, die von der sowjetischen Seite zusammen mit den Juden entsandt wurden.

Sowjets schalteten sich in Verhandlungen ein
In Israel und in den Vereinigten Staaten waren bereits etwa 200 Juden, die mit dem Sowjetregime kooperierten. Die israelische Seite arbeitete schon damals auf Hochtouren zur Enthüllung dieser Geheimagenten der Sowjetunion. Aus diesem Grund schaltete sich damals unerwartet auch die sowjetische Seite in die Verhandlungen mit den Terroristen und der österreichischen Seite ein.

Die weitere Entwicklung der terroristischen Aktivitäten ist bekannt und wurde bereits beschrieben. In Marchegg zwangen die palästinensischen Terroristen mit drei Geiseln den Zöllner Franz Bobits, sie zum Flughafen Schwechat zu fahren. Noch vorher gelang es zwei Geiseln zu entkommen. Mit den anderen Geiseln und dem Österreicher nächtigten die Entführer zehn Stunden im Auto.

Österreich schloss Transitlager in Schloss Schönau
Die österreichische Seite hatte zu den Verhandlungen die Botschafter des Libanon, des Irak, Ägyptens und Libyens eingeladen. Es wurde ein Kompromiss erzielt. Wenn die Palästinenser die Geiseln freilassen, schließt Österreich dafür das jüdische Transitlager im Schloss Schönau, das seit Mitte der 1960er-Jahre die Jewish Agency gemietet hatte und über das die Juden nach Israel und in die Vereinigten Staaten reisten.

Die Terroristen entließen danach die Geiseln und flogen mit zwei österreichischen Piloten in einem kleinen Sportflugzeug nach Jugoslawien. Nach einer Zwischenlandung auf Sizilien und Sardinien landeten sie schließlich in Libyen.

Israels Ministerpräsidentin Meir intervenierte bei Kreisky
Am nächsten Tag kam die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir nach Österreich geflogen und bemühte sich, Kreisky zu überzeugen, dass er das den Entführern gegebene Versprechen nicht einhalten solle. Kreisky lehnte das aber ab.

Er argumentierte, dass er schon immer Einwände dagegen hatte, dass die Jewish Agency in Schloss Schönau die Weiterreise nach Israel organisiert. Er entschied, dass sowjetische Juden weiterhin über Österreich reisen können, hier aber entscheiden können, dass sie nach Israel oder in ein anderes Land wollen.

Jan Krupka, Kronen Zeitung

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