Fr, 20. Oktober 2017

Glaube in der Krise

01.09.2017 05:35

Religionsexperte: „Der Islam kann auch untergehen“

"Der Islam ist eigentlich in einer Krise - auch zahlenmäßig." Dieser Ansicht ist der renommierte deutsche Religionswissenschaftler Michael Blume. Wie er in seinem neuen Buch "Islam in der Krise" erklärt, ist die islamistische Radikalisierung Einzelner nur eine Seite. Eine viel größere Zahl der Muslime wende sich vom praktizierten Glauben ab. "Der Islam kann auch untergehen", so Blume in einem Interview.

"Zwischen Angst vor Muslimen und Verharmlosung reaktionärer Islam-Tendenzen" sei wenig Platz für Schattierungen, heißt es gleich zu Beginn des Interviews mit dem Religions- und Politikwissenschaftler mit dem "Deutschlandfunk". Anders bei Blume, der Fehlentwicklungen im Islam kritisiere, aber "ohne diffamierende Untertöne", wie auch in seinem neuen Buch mit dem Titel "Islam in der Krise: Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug".

Die Säkularisierung habe den Islam "voll erfasst, die meisten Muslime machen ihre Glaubenszweifel aber bislang mit sich alleine aus und reden nur mit engsten Vertrauten darüber", so Blume, hauptberuflich Referatsleiter im Staatsministerium Baden-Württemberg. Einige würden zu anderen Religionen konvertieren, viele jedoch einfach nicht mehr zum Gebet gehen - vor allem Frauen, Jugendliche und Gebildete.

Zahl der Muslime "aufgebläht"
Sichtbar sei diese Entwicklung aber kaum, weil sie statistisch verschleiert werde, erklärt der Religionswissenschaftler. So zähle als Christ hierzulande nur, wer getauft ist und auch wirklich einer Kirche angehöre. Anders bei Muslimen: "Bei Muslimen kreuzt man einfach an, muslimisch - und dann hat sich es. Als Muslim gilt jeder und jede, dessen Vorfahren muslimisch sind." Die Zahl der Muslime sei jedenfalls "aufgebläht", ist Blume überzeugt.

Viele Muslime würden religiösen Verbänden zugerechnet werden, mit denen sie gar nichts zu tun haben wollen. Das erinnere an die Türkei, wo auch bei Kindern alevitischer, jesidischer oder nicht religiöser Eltern ungefragt "Islam" im Ausweis eingetragen werde, so Blume. Bei vielen Nichtmuslimen sorge das für falsche Vorstellungen: "Ich treffe immer wieder auf Menschen, die allen Ernstes glauben, alle Muslime beten fünfmal am Tag. In Wirklichkeit ist das nur noch eine verschwindend kleine Minderheit."

"Der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt", analysiert Blume den "Patienten" Islam, der "eine Phase der Selbstkritik, des kritischen Blicks auf die eigene Geschichte" brauche. Außerdem müsse auch im Westen auf die Rolle des Öls geschaut werden, "mit dem wir Regime finanzieren, über die wir uns dann beklagen". Dies sei ein Punkt, "den natürlich auch Muslime sehen", nimmt Blume zugleich auch den Westen in die Pflicht.

"Wir wollen Reformen und rüsten gleichzeitig Saudi-Arabien aus, die mit Abstand den intolerantesten Islam vertreten, den man sich vorstellen kann. Und die Menschenrechtler wie Raif Badawi einknasten. Damit machen wir uns natürlich auch als Nichtmuslime ein Stück weit unglaubwürdig."

"Riesiger Bildungsabstand der islamischen Welt"
Mitschuld an der Misere des Islam verortet der Experte aber auch beim "riesigen Bildungsabstand der islamischen Welt". Konkret sieht Blume hier Fehlentwicklungen, die ihren Anfang bereits vor dem Jahr 1500 genommen haben - in jener Zeit, in der der Buchdruck erfunden wurde und das Leben in der westlichen Welt grundlegend revolutioniert wurde. Im "Schicksalsjahr 1485" sei es dann zur "verhängnisvollsten Fehlentscheidung der Weltgeschichte' gekommen: Damals ließ Sultan Bayezid II. den Buchdruck im Osmanischen Reich verbieten, und zwar für arabische Buchstaben, was auch bedeutet für Persisch und Osmanisch.

Die Folge: In Europa kommt es zur Reformation, die Kirche bricht auseinander, es entstehen Konfessionskriege, dann aber auch Aufklärung und Humanismus, "während umgekehrt in der islamischen Welt, es bleibt zwar stabil, aber es entwickelt sich auch nicht weiter". Blume: "Am Anfang merkt man das gar nicht. Die Osmanen rücken weiter vor, rücken über den Balkan, kommen bis vor Wien, aber mehr und mehr merken sie, dass sie plötzlich die Schlachten verlieren, dass sich die Europäer weiterentwickelt haben. Und ab dem 17./18. Jahrhundert geht es dann nur noch rückwärts."

Diese Bildungskrise, diesen riesigen Bildungsabstand, ist der Wissenschaftler überzeugt, den hat die islamische Welt bis heute nicht eingeholt. In muslimischen Gesellschaften werde deshalb auch heute noch viel weniger gelesen als in nicht muslimischen Gesellschaften.

 krone.at
Redaktion
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