Fr, 15. Dezember 2017

Reaktion auf Gedicht

08.04.2012 13:43

Günter Grass in Israel zur "Persona non grata" erklärt

Literaturnobelpreisträger Günter Grass darf wegen seines israelkritischen Gedichts nicht mehr nach Israel einreisen. Die Regierung in Tel Aviv erklärte ihn am Sonntag zur "Persona non grata", bestätigte ein Sprecher des Innenministers Eli Yishai. Auch in Deutschland bricht die Kritik an Grass nicht ab. In einem Beitrag für die "Bild am Sonntag" schaltete sich Außenminister Guido Westerwelle in die Debatte ein: "Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen, ist nicht geistreich, sondern absurd."

Das Gedicht von Grass habe darauf abgezielt, "das Feuer des Hasses auf den Staat Israel und das Volk Israel anzufachen", sagte der israelische Innenminister nach Angaben seines Sprechers. Grass wolle so "die Idee weiterbringen, die er früher mit dem Tragen der SS-Uniform offen unterstützt hat".

Yishai: "In Kategorie 'Nazi' abgerutscht"
Der Intellektuelle habe mit seinem Gedicht eindeutig eine rote Linie überschritten und sei für ihn vollständig in die Kategorie "Nazi" gerutscht, so Yishai weiter. Man müsse dem 84-Jährigen nun eigentlich den Literaturnobelpreis aberkennen. Außerdem erklärte der Innenminister: "Wenn Günter Grass weiter seine verqueren und lügnerischen Werke verbreiten will, sollte er dies vom Iran aus tun, dort kann er sicher ein begeistertes Publikum finden."

Grass hatte in seinem am Mittwoch veröffentlichten Gedicht "Was gesagt werden muss" (siehe Infobox) angeprangert, dass der Iran von einem atomaren Präventivschlag durch Israel bedroht sei, der das iranische Volk auslöschen könne. Er warf Israel vor, als Atommacht den Weltfrieden zu gefährden. Das Gedicht hatte ihm im In- und Ausland den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht.

Grass: "Würde Israel-Gedicht jetzt anders schreiben"
Der 84-Jährige hatte sich am Samstag verteidigt und seinen Kritikern Hass und eine Kampagne gegen ihn vorgeworfen. Formulierungen in seinem Israel-Gedicht relativierte er aber. "Ja, ich würde den pauschalen Begriff 'Israel' vermeiden", sagte der Schriftsteller in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Zudem würde er nun deutlicher machen, dass er sich in erster Linie gegen die derzeitige israelische Regierung von Benjamin Netanyahu wende. Netanyahu sei nach seiner Einschätzung der Mann, der Israel zurzeit am meisten schade. Der israelische Ministerpräsident hatte Grass vorgeworfen, die Verhältnisse zu verdrehen. Nicht der jüdische Staat, sondern der Iran bedrohe mit seinem Atomprogramm den Weltfrieden.

Westerwelle: "Grass verharmlost Gefahr"
"Der Iran verweigert völkerrechtswidrig seit Jahren umfassende Zusammenarbeit bei der Kontrolle seines Nuklearprogramms", schaltete sich indessen auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle in die Grass-Debatte ein. "Denen, die das auch jüngst nicht wahrhaben wollten, sei gesagt: Das alles ist keine Spielwiese für Polemik, Ideologie und Vorurteile, sondern bitterer Ernst", warnte er in einem Gastbeitrag in der "Bild am Sonntag". Wer die von einer amtomaren Bewaffnung des Irans ausgehende Bedrohung verharmlost, verweigere sich der Realität, so der Politiker.

Reich-Ranicki: "Ekelhaftes Gedicht"
Auch Schriftstellerkollegen kritisierten Grass. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", es sei "ein ekelhaftes Gedicht", das politisch und literarisch wertlos sei. Der Literaturnobelpreisträger stelle "die Welt auf den Kopf". "Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil", sagte Reich-Ranicki, der aus einer jüdischen Familie stammt.

Der Liedermacher Wolf Biermann verteidigte Grass hingegen "im Namen der Meinungsfreiheit", sein Israel-Gedicht aber bezeichnete er als "literarische Todsünde". Dass Neonazis in Deutschland Grass nun lobten, mache aus ihm aber noch keinen Nazi, so der Liedermacher in der "Welt am Sonntag". Grass sei niemals, wohl nicht einmal als junger SS-Mann, ein Faschist gewesen. "Also ist alles nicht so wild, alles nicht so schlimm", schreibt Biermann.

Grass-Denkmal in Göttingen beschmiert
Im Zusammenhang mit den Diskussionen um das umstrittene Israel-Gedicht des Schriftstellers haben Unbekannte indessen in der deutschen Stadt Göttingen ein von Grass gestiftetes Denkmal mit Graffiti beschmiert. Auf dem Sockel einer Plastik auf dem Universitätscampus schmierten Unbekannte "SS! Günni Halts Maul". Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung.

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