Ausstellung

Das Wunder des menschlichen Körpers live erleben

Gesünder leben
09.01.2026 16:35

Die Körperwelten-Ausstellung in Wien zeigt das Wunder des menschlichen Körpers und Geistes in all seinen Facetten anhand von echten anatomischen Präparaten. Eine faszinierende Reise bis in die kleinste Zelle vom Moment der Zeugung bis den Geheimnissen der 100-jährigen.

Ein Pferd mit Reiter. Es bäumt sich auf, scheint jede Minute durchgehen zu wollen. Der Reiter klammert sich am Hals des Tieres fest. Die Kräfte gebündelt. Doch: Die Szene ist zum Standbild eingefroren. Von Spots beleuchtet, von allen Seiten zu bestaunen. Bei beiden, Mensch und Tier, fehlt fast die ganze die Haut, sie wurden bis zu ihrem Innersten aufgespalten und aufgefächert. Muskeln, Sehnen, Knochen in der Bewegung erstarrt und dennoch in einer Dynamik gefangen, als würden sie in der nächsten Minute davongaloppieren. Nein, ich befinde mich weder in einem Albtraum noch in einem Gruselkabinett, sondern mitten in der Ausstellung von „Körperwelten. Am Puls der Zeit“ in Wien.

Ein apokalyptischer Reiter?
Das Pferd und sein Reiter sind echt. Sie haben gelebt, sind früher vielleicht ganz genauso über die Felder geprescht, wie sie hier dargestellt werden. Es handelt sich nämlich um anatomische Präparate aus Körperspenden an das Heidelberger Institut für Plastination, gegründet vom deutschen Arzt und Anatomen Dr. Gunther von Hagens. Die von ihm entwickelte Methode der Konservierung, Plastination genannt, nicht nur von Körpern und Organen, sondern sogar von Nerven, Sehnen und Blutgefäßen, machte auch außerhalb der Medizin Furore und hat auch nach 30 Jahren nichts an Faszination eingebüßt.

Die erste Ausstellung weltweit fand im September 1995 in Tokyo statt, in Österreich bekamen wir sie erstmals 1999 in der Wiener Messehalle zu sehen. Damit wurde es möglich, auch dem medizinischen Laien die Anatomie des Menschen näher zu bringen und verständlich zu machen, wie es vorher nur in der Wissenschaft der Fall war. Auch, wenn es den einen oder anderen schaudert – so sehen wir eben aus unter unserer Haut.

Im Galopp sind alle Muskeln angespannt. Nicht nur jene des Pferdes, sondern auch die des ...
Im Galopp sind alle Muskeln angespannt. Nicht nur jene des Pferdes, sondern auch die des Reiters. Werden sie gleich davon stürmen? .(Bild: Philipp Lipiarski)

Da überstreckt eine Balletttänzerin im Zehenstand ihren Muskelapparat, hebt ein Tennisspieler das Racket zum Aufschlag, sprintet ein Muskelläufer seinem eigenen Skelett davon. Und das alles detailgetreu bis in jede Faser. Körperscheiben, nur 2-8 cm dünn, zeigen die inneren Strukturen in ihrer exakten Lage und ihrer Beziehung zueinander. Vergleichbar mit diagnostischen Bildern.

Die Diskussionen und Kontroversen hielten vor allem in den Anfangsjahren an, haben sich jetzt aber relativiert. Von Leichenfledderei über Voyeurismus bis hin zu Sensations- und Profitgier reichten die Kritikpunkte. Doch warum sollte die interessierte Bevölkerung nicht sehen und verstehen, was angehende Mediziner im Anatomiekurs schon zu Beginn der Studienzeit im Sezierkurs erfahren?

Heute überschwemmen uns digitale Grafiken, KI-generierter Bilder und Deepfake. Hier gilt: Wer schockt, generiert die meisten Klicks. Umso mehr Bedeutung kommt dem Realen, dem Echten, dem Menschlichen zu. Es holt uns persönlich ab, macht betroffen und bringt uns zurück zu unserem Ursprung.

Den eigenen Körper verstehen
Bei der Eröffnung der aktuellen Ausstellung in der Wiener Stadthalle betonte Kuratorin Dr. Angelina Whalley, dass die Exponate nicht nur den Organismus sichtbar machen, sondern auch seine Verwundbarkeit zeigen, aber ebenso seine erstaunliche Anpassungsfähigkeit angesichts der Herausforderungen des modernen Lebens. „In einer Welt, die sich immer schneller dreht, voller digitaler Ablenkungen und ständiger Veränderungen, schenkt uns diese Ausstellung etwas Seltenes – einen Moment des Innehaltens, der Reflexion und der Rückbesinnung. Ich möchte Menschen aller Altersgruppen inspirieren, den eigenen Körper besser zu verstehen und neue Impulse für ein gesundes, bewusstes Leben zu gewinnen.“

Einzigartige Exponate: Ein Liebespaar bei der Vereinigung, von außen und innen sichtbar gemacht
Einzigartige Exponate: Ein Liebespaar bei der Vereinigung, von außen und innen sichtbar gemacht(Bild: Philipp Lipiarski / www.lipiarski.com)
Wie in der Bewegung eingefroren wirkt dieser Badminton-Spieler
Wie in der Bewegung eingefroren wirkt dieser Badminton-Spieler(Bild: © Philipp Lipiarski / www.lipiarski.com)

Dass dies durchaus gelingen kann, zeigen Befragungen von Besuchern an unterschiedlichen Ausstellungsstandorten.

  • 87% gaben dabei, an jetzt mehr vom menschlichen Organismus zu wissen
  • 79% waren danach „voller Hochachtung vor dem Wunder des Körpers“
  • 68% wollten in Zukunft mehr auf ihre körperliche Gesundheit achten
  • Noch einmal 68% nahmen wichtige Impulse für eine zukünftige gesündere Lebensführung mit
  • 47% gaben an, ihren Körper mehr Wert zu schätzen als vorher
  • Selbst sechs Monate nach Ausstellungsbesuch berichteten 33%, sie würden sich gesünder ernähren als vorher, 25% sportelten mehr und neun Prozent rauchten weniger

Kein Wunder, schockt doch die schwarz-geteerte Raucherlunge, die in der Vitrine neben einem hellen, gesunden Organ ausgestellt ist, mit der Tatsache, dass sie ihrem Besitzer höchstwahrscheinlich das Leben gekostet hat. Dick mit fettähnlichen Pfropfen verstopfte Blutgefäße machen auch nicht gerade Appetit auf Fast Food und Rauchschwaden.

100 Milliarden
Beeindruckend auch das Geflecht an Nervenbahnen, die unseren Körper durchziehen. Allein die Anzahl der Nervenzellen im Gehirn beläuft sich auf schätzungsweise 100 Milliarden bis 1 Billion. Zahlenspielereien, die erst durch die reale Darstellung einigermaßen fassbar werden.

Es ist nicht egal, was wir essen
Wussten Sie außerdem, dass jeder von uns etwa 500 kg Nahrung pro Jahr zu sich nimmt. Da kann es gar nicht egal sein, woraus sie besteht. Auch damit beschäftigt sich ein Teil der Präsentation. Woher kommen unsere Nahrungsmittel, was bewirken sie im Organismus, wie verdauen und verstoffwechseln wir sie? Wie beeinträchtigen Übergewicht und Fettansammlungen unsere Gesundheit? Erstaunen bei einer jungen Besucherin: „Ich wusste gar nicht, dass Bauchfett auch in die Organe und sogar in die Muskeln einwachsen kann!“

Sieht man mit eigenen Augen, was der schnelllebige, ungesunde Lebensstil so anrichten kann, bewirkt das oft mehr als alle guten Tipps vom Doktor. Umgekehrt fasziniert die Komplexität, die perfekte Zusammenarbeit des menschlichen Organismus bis in jede Zelle. So ein Wunderwerk kann nur die Natur hervorbringen!

Was ist Plastination?

Vereinfacht ausgedrückt ein Vakuumverfahren, bei dem die Körperflüssigkeiten gegen Kunststoffe ausgetauscht werden. Das Körperwasser (daraus besteht der Mensch zu rund 70%) und die Gewebefette werden zunächst durch Azeton, ein leicht verdunstendes Lösungsmittel, ersetzt. In einem zweiten Schritt wird dann das Aceton gegen eine Kunststofflösung im Vakuum ausgetauscht. Damit gelangt der flüssige Kunststoff bis in die letzte Zelle des Präparates. Dünne Körperscheiben brauchen für die Imprägnierung nur einige wenige Tage, ganze präparierte Körper hingegen mehrere Wochen. Danach wird das Präparat dem Kunststoffbad entnommen, positioniert und ausgehärtet.

Wie wird man 100 Jahre alt?
Aber wie gelingt ein langes Leben in Gesundheit? Antworten findet man im Abschnitt der 100-Jährigen. Hier werden Menschen vorgestellt – nicht plastiniert, dafür aber bildgewaltig als übergroße Fotos in Szene gesetzt. Jeder dieser Menschen hat eine Botschaft für uns. Die Quintessenz: Jugend und Gesundheit wurzeln in Neugier, Begeisterung und Liebe zum Leben. Aber auch auf Stressresistenz und innere Einstellung kommt es an.

Oder, wie es der amerikanische Schriftsteller Mark Twain, der 1835 geboren wurde und für die damalige Zeit stolze 75 Jahre alt wurde, ausdrückt: „Age is an issue of mind over matter. If you don’t mind, it doesn’t matter.“ Was so viel heißt wie: Wichtiger als das tatsächliche Alter ist, wie du dazu stehst. Wenn es dich nicht kümmert, dann ist es auch egal, wie alt du laut Geburtsurkunde bist.

Da ist es nur logisch, dass ein weiteres Highlight der „Körperwelten“ mit Sex startet. Ein Paar beim Liebesakt. Nicht unbedingt lustvoll anzusehen, aber das ist ja nicht die Intention. Sondern den Werdegang eines Menschen von seiner Zeugung an, sein Wachsen im Mutterleib, sein Geborenwerden und seine Entwicklung darzustellen. Als Mutter zweier erwachsener Kinder versetzt es mich immer noch in Erstaunen, dass aus einem erbsengroßen Embryo diese wunderschöne, kluge junge Frau, meine Tochter, die mit mir die Ausstellung besuchte, und dieser hochgewachsene, kreative junge künstlerische Freigeist, mein Sohn, entstanden sind. Der Kreislauf des Lebens.

So sieht es in meinem Körper aus
Zu guter Letzt wird man eingeladen, sich einer Simulation zu stellen, die das Innere nach außen kehrt: Eine Videoinstallation zeigt jedem Besucher individuell wo sich seine Organe befinden, wie sich das Skelett und die Gelenke verhalten. Durch Bewegung und Veränderung des Standortes kann man das Bild selber steuern. Hebt man den Arm, arbeiten Muskeln, Sehnen, Schulterblatt, Oberarmknochen usw. wie ein Uhrwerk zusammen. Das einmal in Echtzeit an sich zu beobachten, macht einem auch bewusst, dass man mit seinem Körper achtsam umgehen, ihn pflegen und gut behandeln muss. Schließlich beherbergt er nicht nur unsere Organe, sondern auch alles, was uns ausmacht: Denken, Fühlen und Lieben.

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