Warum ist es dem Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nicht gelungen, seine höchstpersönlichen Befindlichkeiten hintanzustellen? Bei dem Gespräch mit Donald Trump lag von Anfang an Provokation in der Luft.
Ein Schockerlebnis: Trump und Selenskyj im Weißen Haus – bei einem Schlagabtausch, der beider Staatspräsidenten nicht würdig ist. Trump, der Dankbarkeit einforderte, Selenskyj, der genau diese nicht zu geben bereit war. Dass der US-Präsident unberechenbar und zudem kein ausgewiesener Freund der Ukraine ist, war Selenskyj wohl von Anfang an klar. Dass er, als ukrainischer Präsident, seit drei Jahren gezwungen ist, auf „Betteltour“ durch Europa und die USA zu tingeln, macht seine Position gegenüber dem derzeit scheinbar allmächtigen Trump um nichts besser. Und dass Provokation von Anfang an in der Luft lag, wurde sofort klar durch Trumps Bemerkung: „Da hat sich ja einer fein herausgeputzt.“
Warum hat sich Selenskyj in diesem für diesen Ukraine so wichtigen Gespräch nicht ausnahmsweise tatsächlich dem Anlass entsprechend „fein herausgeputzt“? Warum hat er seine wachsende Abneigung gegenüber Trump körpersprachlich nicht besser verbergen können?
Stammtischniveau überrascht nicht
Und warum hat er nicht laut und deutlich zumindest einmal im direkten Gespräch mit dem US-Präsidenten und dessen Vize ein „Thank you“ formulieren können, statt sich darauf zu berufen, dass er sich ja sowieso schon oft bei den Amerikanern für deren Hilfe bedankt hätte?
Dass Trump über seinen Gesprächspartner drüberfährt, ihn nicht ausreden lässt, sich rüpelhaft und auf Stammtischniveau verhält, und dadurch sein Vis-a-vis provoziert, ist doch in Kenntnis dieses Mannes nicht weiter überraschend. Aber wieso hat sich Staatspräsident Selenskyj so provozieren lassen?
Dieses immer hitziger werdende Streitgespräch hat auf mich den Eindruck gemacht, als ginge es hier letztlich um den Zweikampf zweier Männer-Egos. Und das war’s wohl auch. Bei einer denkbar ungleichen Ausgangslage: In der Ukraine sterben Abertausende im Krieg – in den USA tun sie das nicht. Ist es dann nicht die Aufgabe des ukrainischen Präsidenten, eigene Befindlichkeiten hintanzustellen?
Selenskyj zeigte kein diplomatisches Geschick
Wer nicht in der Lage ist, in einer solch schwierigen Situation mit einem überaus mächtigen und unkontrollierbaren Gegenüber diplomatisches Geschick an den Tag zu legen, ist meiner Meinung nach der falsche Mann für diesen Job. „Es war großartiges Fernsehen“, meinte Trump am Ende dieses Gespräches. Nicht unrichtig, aber was für ein Zynismus, wenn man bedenkt, was da alles auf dem Spiel steht.
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