Teresa Reichl ist auf einer Mission, den Kanon deutschsprachiger Literatur inklusiver, diverser und leichter verständlich zu machen. Haben Goethe und Schiller ausgedient? Und kann Literatur wirklich cool sein?
Man kann es mutig oder auch anmaßend nennen, was Teresa Reichl, 29 Jahre alte Germanistin aus Bayern, sich schon mit ihrem ersten Buch „Muss ich das gelesen haben?“ vorgenommen hat: Den Kanon abstauben, hinterfragen, erweitern – und zwar aus einem dezidiert queer-feministischen Blickwinkel und in Alltagssprache. Ob das nicht die Wut vieler alter, weißer Literaturprofessoren auf sich gezogen hat? „Dadurch, dass das Buch von einer Frau ist, ich am Cover bin und es rosa ist, haben es die gar nicht gelesen“, sagt Reichl, als die „Krone“ sie nach einer Lesung im Grazer Literaturhaus trifft.
Dass der Prinz aus Lessings „Emilia Galotti“ ein „Arschloch“ sei und „Faust“ ziemlich sexistisch – Reichl arbeitet sich an den großen Namen ab. Bei Interviews sei oft versucht worden, ihr das Wort „canceln“ in den Mund zu legen: „Ich will Goethe aber nicht canceln. Kann ich auch gar nicht“, sagt die Kabarettistin. „Man kann einfach anerkennen, dass diese Werke ein Produkt ihrer Zeit sind und damit natürlich frauenfeindlich und rassistisch. Das heißt nicht, dass es keine Meisterwerke sein können, sondern nur, dass man darüber reden sollte.“
Mein liebstes Kompliment ist: ,Meine Lehrerin hat dich empfohlen, aber du bist wirklich cool.’ Dann hab’ ich’s geschafft.
Teresa Reichl
Ganze Klassen lesen ihre Bücher
Deutschlehrer, sagt Reichl, verwenden nicht nur Ausschnitte ihres Buches, sondern lesen es sogar als Klassenlektüre. „Ich finde das echt crazy.“ Insofern war der Schritt zu einem Buch für Schüler logisch: Im dünnen Band „But Make it Classy!“ (Carlsen, 11 Euro) gibt die Autorin einen Überblick über die wichtigsten Dauerbrenner des Schulkanons – von Gryphius bis E.T.A. Hoffmann. „Es sind immer drei Werke pro Epoche – zwei Klassiker und eine Auswahl von mir.“ So steht neben Friedrich Schiller etwa Luise Adelgunde Victorie Gottsched und neben Joseph von Eichendorff Bettina von Arnim. „Es hat immer Frauen gegeben, die schreiben.“
Und Reichl hat Erfolg: Es tut sich was im Kanon. Bei Verlagen wie Reclam, die „Klassikerinnen“ in einer Reihe sammeln, oder auch auf Bühnen wie dem Schauspielhaus Graz, wo bewusst vergessene Frauen gespielt werden. „Das zieht“, sagt Reichl – ein zweiter Teil des Buches soll folgen.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.