09.01.2013 18:23 |

"Paradies: Glaube"

Kirchenvertreter: Seidl-Film keine Blasphemie

Vor dem offiziellen Kinostart am Freitag haben hochrangige Kirchenvertreter Ulrich Seidls umstrittenen Film "Paradies: Glaube" gesehen. Der Tenor: Das Werk sei "schwere Kost", aber keine Gotteslästerung. Das hatten im Vorfeld nicht alle Gläubigen so bewertet: Nach der Uraufführung bei den Filmfestspielen von Venedig im vergangenen September hatte eine ultrakonservative katholische Organisation in Italien Anzeige wegen Blasphemie eingebracht.
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Der Wiener Dompfarrer Toni Faber sieht sich durch Seidls Film "über Schmerzgrenzen hinaus an Realitäten des Lebens gestoßen", berichtet die katholische Nachrichtenagentur Kathpress, die vor dem Filmstart zu einer Preview geladen hatte. Er kenne auch heute noch "sehr verquere Formen neurotischer Religiosität", wie sie in "Paradies: Glaube" gezeigt würden, so Faber, der den Film als "schwere Kost" bezeichnete. Andere Besucher äußerten nach der Vorführung durchaus Kritik. Blasphemie wollte aber keiner der Gäste erkannt haben.

Zweiter Teil von Seidls Trilogie über die "göttlichen Tugenden"
Nach "Paradies: Liebe" ist "Paradies: Glaube" der zweite Teil von Seidls Trilogie über die "göttlichen Tugenden" Glaube, Liebe und Hoffnung (Filmkritik siehe Infobox). Im umstrittenen Film ist unter anderem eine Szene zu sehen, in der die Hauptperson mit einem Kruzifix masturbiert. Dafür hatte sich der Regisseur in Italien eine Blasphemie-Anzeige einer ultrakatholischen Organisation eingehandelt.

Jesuiten-Rektor: Film "irritiert"
Gustav Schörghofer, der Rektor der Jesuitenkirche in Wien, glaubte nach der Vorführung, dass es die meisten Betrachter "sehr irritieren" werde, "wie Glaube hier gezeigt wird". Es sei ein Glaube "jenseits jeder Aufklärung", sagte er zur Kathpress. Schörghofer gab sich überrascht, dass Seidl das Thema überhaupt aufgreift. Schließlich wisse der Regisseur als kirchlich sozialisierter Künstler, dass sich Glaube meist ganz anders zeige. Das komme in "Paradies: Glaube" nicht zum Vorschein, so Schörghofer, der den Film ansonsten als "künstlerisch durchaus gelungen" bezeichnete.

Präsidentin der KAÖ: Perversion, Deformation
Die Präsidentin der Katholischen Aktion, Gerda Schaffelhofer, merkte an, dass es "keine einzige Szene" gebe, die "Glauben positiv erleben lässt". Sie kritisierte Seidls Blick auf eine Form des Glaubens, "die man nur als Perversion oder Deformation bezeichnen kann". Die zugespitzte Darstellung des Wieners mag laut Schaffelhofer zwar künstlerisch legitim sein, rege jedoch "keine positive Reflexion des eigenen Glaubens" an, wie Kathpress berichtet. Schaffelhofer spricht weiters von "Klischees", die Seidl provozierend einsetze. Wie Faber und Schörghofer äußerte aber auch sie keinen Blasphemie-Verdacht.

Darstellerleistung beeindruckte
Unabhängig von der inhaltlichen Bewertung waren die Besucher der Vorführung von der Leistung von Hauptdarstellerin Maria Hofstätter beeindruckt. Die Oberösterreicherin wird heuer beim Filmfestival Diagonale in Graz mit dem Großen Schauspielpreis für Verdienste um die österreichische Filmkultur ausgezeichnet. Sie empfinde die vieldiskutierte Masturbationsszene mit dem Kruzifix nicht als anstößig, wie sie zuletzt in mehreren Interviews gesagt hatte. Vielmehr sei sie darüber erstaunt, dass eine spätere Szene, in der das Kreuz gegeißelt wird, offenbar für viel weniger Aufsehen sorge. "Vielleicht hat das mit der katholischen Kirche zu tun, dass Gewalt nie so groß verurteilt worden ist, aber Sexualität eine große Sünde war", sagte Hofstätter in der "Furche".

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